Leuchtturm von Hiddensee. Foto: Ulrich Horb
Leuchtturm von Hiddensee. Foto: Ulrich Horb

Der Abschied vom Alltagsstress beginnt mit dem Ablegen der Fähre. Ruhig zieht sie ihre Bahn, gut zwei  Stunden von Stralsund aus, eine Dreiviertelstunde, wenn die Fahrt in Schaprode auf Rügen beginnt. Sobald  der Leuchtturm von Hiddensee in Sicht kommt, ist es wie ein Eintauchen in eine andere Welt.

Am Hafen stehen Handkarren für die Reisenden bereit, die mit ihrem Gepäck an Land kommen. Auf den Rückseiten der Karren stehen die Namen der dazugehörigen Hotels und Pensionen.  Koffer und Taschen werden aufgeladen, dann  rumpeln die Wagen los, gezogen von den Urlauberinnen und Urlaubern auf dem Weg zum Quartier der kommenden Tage.  Das haben sie oft schon im Jahr zuvor gebucht. Denn Unterkunftsmöglichkeiten sind begrenzt auf der Insel.

„Dat söte Länneken“ Hiddensee, das süße Ländchen, wie die Insel  vor der Westküste Rügens genannt wird,  erinnert von der Form her an ein Seepferdchen. Zwischen Enddorn im Norden und Gellerhaken im Süden liegen gut 17 Kilometer und mit Kloster, Vitte und Neuendorf drei kleine Häfen. An der breitesten Stelle beträgt die Entfernung vier Kilometer. Ganz langsam verändert die Insel  ihre Form. An der Steilküste kommt es zu Abbrüchen, am Bessin wird Sand angeschwemmt und die zwei Landzungen wachsen und mit ihnen das Natur- und Vogelschutzgebiet.

Das "Wieseneck" in Kloster. Foto: Ulrich Horb
Das „Wieseneck“ in Kloster. Foto: Ulrich Horb

Hiddensee hat viel  von seiner Ursprünglichkeit bewahren können.  Die Insel ist – fast – frei von Autoverkehr, es gibt nur den elektrisch betriebenen Inselbus, den Notarztwagen und einige wenige Versorgungsfahrzeuge.  Pferdekutschen sorgen für ein geruhsames Fortkommen, Fahrräder lassen sich überall ausleihen. Und wie schon zu Gerhard Hauptmanns Zeiten tauchen ab und an Spaziergänger  in der hügeligen Landschaft oder der Heide auf.

Weithin sichtbares Wahrzeichen der Insel ist der auf einem 72 Meter hohen Hügel, dem Schluckswiekberg, gelegene Leuchtturm am Dornbusch nördlich von Kloster. Errichtet als runder Ziegelbau, 28 Meter hoch, wurde er später durch einen Stahlbetonmantel gestützt. Bei gutem Wetter kann er erstiegen werden und bietet einen weiten Ausblick über die Insel. Ab Windstärke 6 ist er gesperrt. Ein kleinerer Leuchtturm steht im Süden bei Neuendorf.

Leuchtturm, Dornbusch, Heide und Strand sind wiederkehrende Motive  in den Bildern vieler Künstlerinnen und Künstler, die es bis heute auf die Insel zieht. Inselgäste treffen bei ihren Rundgängen immer wieder auf kleine Ateliers und Galerien.

Insel mit Geschichte

Die Bilder zeigen oft  Naturgewalten. Sagen berichten allerdings auch von menschlicher Gewalt. Hier auf Hithins Oe, der Insel des Hithin oder Hedin, soll einst ein Kampf auf Leben und Tod getobt haben.   Der sagenhafte normannische  König Hedin kämpfte dabei gegen den eigenen Schwiegervater Högin. Auslöser des Konflikts, so erzählt es die Legende,  war die Frage, ob sich Hedin seiner Gattin, der schönen Hilde, schon vor seiner Ehe unsittlich genähert hatte.  Hedin schlug Högin zunächst zurück, unterlag in einer weiteren Auseinandersetzung, blieb aber am Leben. Sieben Jahre später kam es zum erneuten Kampf, bei dem er ebenso wie sein Schwiegervater seinen Wunden erlag. Hilde ertrug den Verlust nicht. Der Zauberei mächtig sorgte sie dafür, dass Hedin und ihr Vater Nacht für Nacht  wieder auferstanden und den Kampf von neuem aufnahmen.

Als „Hiddensey“ taucht die Insel nach 1200 in der „Prosa Edda“ des isländischen Dichters und Historikers Snorri Sturluson auf.  Der dänische Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus (1140-1220) erwähnt die Insel als „Hithins Oe“.

Leuchtturm von Hiddensee. Foto: Ulrich Horb
Leuchtturm von Hiddensee. Foto: Ulrich Horb

Entstanden ist die Insel mit dem Ende der Eiszeit etwa 10.000 vor Christus. Besiedelt ist Hiddensee wohl seit der mittleren Steinzeit. Aus Feuerstein hergestellte kleine Pfeilspitzen oder Werkzeuge erzählen davon. Einige kleinere Fundstücke stammen aus der Bronzezeit, aus einem Hügelgrab am 65 Meter hohen Swantiberg im Norden.

Der Absturz eines Teils der Steilküste am Dornbusch legte 1905 das Grab einer  Frau  aus der Zeit der germanischen Besiedlung  zu Beginn des 3. Jahrhunderts frei.  Bronzegefäße, Gürtelbeschläge  und Schmuckkästchen zeugen von der Bedeutung der dort Bestatteten, deren Leben im Jenseits mit den Beigaben komfortabel gestaltet werden sollte. Im 2. Weltkrieg kamen allerdings die meisten der Fundstücke abhanden.

Die germanischen Siedler zogen im 6. Jahrhundert von Hiddensee aus weiter und überließen das Gebiet den slawischen Ranen, die 1168 von König Waldemar I. von Dänemark mit der Eroberung der Festung Arkona auf Rügen unterworfen und gewaltsam zum Christentum bekehrt wurden.   Die Ranen arrangierten sich mit der dänischen Herrschaft. Mit der von Jaromar I. auf dem Festland gegründeten Handelsstadt Stralsund wuchs die Bedeutung der Insel, die nun an einer vielbefahrenen Schifffahrtsstrecke lag. Zahlreiche Namen auf Hiddensee erinnern noch an die slawische Vergangenheit, so der Swantiberg, der „heilige Berg“. Und der Ortsname Grieben lässt sich wohl auf das slawische Wort für Pilze „grib“ zurückführen.

1296 wurde die Insel von Fürst Wizlaw II. dem Kloster Neuenkamp im heutigen mecklenburgischen  Franzburg geschenkt, damit sie wirtschaftlich erschlossen werden konnte.  Die Zisterzienser errichteten im Norden von Hiddensee ein Kloster, das rund 240 Jahre Bestand hatte und dem heutigen Ort seinen Namen gab.  Gewidmet war es dem Heiligen Nikolaus von Myra, der der Legende nach in Not geratene Seeleute gerettet hat.  In der Nähe des Klosters wurde ein kleiner Hafen angelegt.  Als Zugabe  bekamen die Zisterzienser  das Fischereirecht im Schaproder Bodden und eine Aufgabe: Um den Schiffen eine sichere Fahrt durch die damals noch einzige  Fahrrinne nach Stralsund zu gewähren, sollten sie auf dem Gellen, ganz im Süden der Insel, ein Leuchtfeuer unterhalten.

Als Wizlaw III., der letzte slawische Fürst von Rügen 1325 starb, fielen Rügen und Hiddensee an die Herzöge von Pommern-Wolgast. Mit der Reformation wurde das Kloster aufgelöst, der Abt verließ die Insel. Vom Kloster blieb nichts, ein Torbogen hinter dem Hotel Hitthim erinnert zwar daran, stammt aber in Wirklichkeit vom erst später errichteten herzoglichen Gut. Etliche der Mönche blieben damals auf der Insel und zogen lieber bettelnd umher, als das idyllische Hiddensee zu verlassen.

Blick vom Leuchtturm. Foto: Ulrich Horb
Blick vom Leuchtturm. Foto: Ulrich Horb

Verändert hat sich das Aussehen der Insel vor allem im Dreißigjährigen Krieg. Der dichte Wald auf dem Dornbusch wurde abgeholzt und zunächst von den Dänen zu Schiffen und Kriegsgerät verarbeitet.  Der kaiserliche Feldherr Wallenstein ließ dann zwischen 1628 bis 1630 den restlichen Bestand von Eichen und Buchen auf dem Dornbusch abbrennen, um den Gegnern den Holzvorrat nicht zu überlassen. Erst in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde wieder mit der Aufforstung mit Nadelhölzern am Dornbusch begonnen.

 

Strand von Hiddensee. Foto: Ulrich Horb
Strand von Hiddensee. Foto: Ulrich Horb

Wie  geschichtsträchtig der Ort ist, hat vor rund 150 Jahren der Fund eines Goldschatzes der Wikinger  am Strand von Hiddensee gezeigt.  Die reich verzierten und kounstvoll gefertigten Schmuckstücke aus Goldblech, darunter ein 44 Zentimeter langer Halsring, wurden um 970 bis 980 gefertigt.  Das kostbare Strandgut wurde zwischen 1872 und 1874 gefunden, das Stralsunder Museum kaufte den Goldschatz nach und nach den Fischern ab.

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