Cover "Mehr als eine Provinz" von Hans-Rainer Sandvoß
Cover “Mehr als eine Provinz” von Hans-Rainer Sandvoß

Hans-Rainer Sandvoß hat die Geschichte des Arbeiterwiderstands  in der Provinz Brandenburg untersucht: „Mehr als eine Provinz!“

Eine Lücke wird geschlossen. In mehrjähriger Recherche hat der Berliner Historiker Hans-Rainer Sandvoß den Widerstand der Arbeiterbewegung  zwischen 1933 und 1945 in der preußischen Provinz Brandenburg  untersucht.   Ziele,  Wirkungsmöglichkeiten und die Verfolgung der Akteure stehen im Mittelpunkt. Aber Sandvoß, bis 2014 stellvertretender Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand  (GDW), geht auch der Frage nach, warum dieses Kapitel  der Brandenburger Geschichte  bislang eher selektiv erforscht wurde.

In seinen zuvor erschienenen Büchern „Die andere Reichshauptstadt“ (2007) und „Es wird gebeten, die Gottesdienste zu überwachen…“  (2014) hat Hans-Rainer Sandvoß ausführlich den Berliner Widerstand gegen den NS-Terror beschrieben, sowohl den der Arbeiterbewegung als auch den kirchlichen. Zudem hat er die verdienstvolle Schriftenreihe der Gedenkstätte zum Widerstand in den Berliner Bezirken herausgegeben. Seit Ende der siebziger Jahre hat er für diese Veröffentlichungen nicht nur Polizei- und Gerichtsakten ausgewertet und  Archivmaterialien auf Hinweise durchsucht, sondern auch zahlreiche Interviews mit Überlebenden des Widerstands geführt.  Dabei stieß er auch auf Querverbindungen zu Widerstandsgruppen  jenseits der Berliner Stadtgrenze, die in die jetzt vorgelegte Untersuchung „Mehr als eine Provinz!“ einfließen konnten. Insbesondere die illegalen Berliner und Brandenburger KPD-Gruppen arbeiteten in den frühen dreißiger Jahre enger zusammen. Für die neue Untersuchung wertete Hans-Rainer Sandvoß  zudem rund tausend  Aufnahmeanträge aus den Archiven der  Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) aus den ersten Nachkriegsjahren aus.

Der Widerstand aus der Arbeiterbewegung war auch  in Brandenburg  vielfältig.  Hans-Rainer Sandvoß  stellt ihn nun auf 623 Seiten erstmals zusammenhängend und in seiner ganzen Breite dar. Neben den Anhängern von KPD und SPD, die auch in Brandenburg die Hauptlast der Widerstandsarbeit trugen,  ist  den unabhängigen linkssozialistischen und anarchosyndikalistischen Gruppen ein eigenes Kapitel gewidmet. Ergänzt werden diese drei Säulen des Widerstands durch einen ausführlichen Blick auf das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, das sich bereits in den Jahren vor 1933 für die bedrohte Republik einsetzte und dessen Zeitschrift  „Das Reichsbanner“ nun als wichtige Quelle erschlossen wurde.

Sandvoß verweist auf eine auffallend  „hohe Dichte der Einrichtungen des NS-Terrorregimes im Umfeld der Reichshauptstadt“.  Deutlich werden in der Untersuchung die Unterschiede zwischen der Hauptstadt und dem Land. Berlin bot eine größere Anonymität und gute öffentliche Verkehrsverbindungen, Informationsmaterial konnte einfacher transportiert werden, Treffen unauffälliger organisiert werden. In der Provinz Brandenburg, die zur damaligen Zeit  weit über die Oder hinaus reichte,  verfügten die Widerstandsgruppen dagegen  in der Regel nicht über eigene Fahrzeuge, Besuche und Kontakte fielen auf dem Land stärker auf, die politische Einstellung war den Nachbarn bekannt.  Anhand einzelner Biographien lässt sich zudem aufzeigen, dass das Strafmaß bei Verurteilungen in Brandenburg   häufig höher ausfiel als in Berlin und dass die Haft oft willkürlich verlängert wurde.

Schon vor 1933 hatten es die Anhänger der Republik in den Dörfern Brandenburgs schwer. Dennoch versuchte das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold gerade dort Präsenz zu zeigen. Bereits 1927 wurden  mit Richard Wollank und dem 18jährigen Karl Tietz zwei Mitglieder des Reichsbanners aus Erkner ermordet, als sie gemeinsam mit weiteren Kameraden auf der Fahrt zu einem Gautreffen des Reichsbanner nach Frankfurt/Oder waren. 1931 berichtete der Vorwärts über eine Fülle von Übergriffen durch Nazis auf Reichsbannerleute und kam zur Einschätzung: „Nicht selten aber sympathisieren auf dem Lande und in der Kleinstadt die Exekutivorgane mit den Radikalen, und es ist nur zu oft vorgekommen, dass sie die Angreifer schonen und gegen die Angegriffenen mit Anzeigen vorgehen.“ Eine Basis hatte das Reichsbanner vor allem dort, wo es viele Facharbeiter gab, etwa in Guben oder Cottbus, dagegen fanden die Anhänger der Republik in der Prignitz und der Uckermark kaum eine Basis.

Immer wieder wurde vom Schusswaffengebrauch durch NSDAP-Mitglieder berichtet. Aus einem Auto heraus schossen drei von ihnen im Juni 1932 den Jungbannermann Blache in der Ostprignitz nieder. „Als wir einmal auf Lastwagen mit Fahnen der Republik geschmückt zu einem Sportfest nach Luckenwalde fuhren, wurde in dörflichen Regionen bereits von SA auf uns geschossen“, zitiert Sandvoß einen weiteren Bericht eines Arbeitersportlers aus dem Jahr 1932. Für den Autor wird aber auch deutlich: „Da, wo das Reichsbanner aktiv im Kampf stand, konnte lokal der Nationalsozialismus auch zurückgedrängt werden.“ Solchen begrenzten Erfolgen stand eine immer engere Zusammenarbeit zwischen  Nazis und Polizeibehörden gegenüber. Überfälle auf Reichsbannerangehörige häuften sich und ab 1933 kam es  zunehmend zu Hausdurchsuchungen und willkürlichen Verhaftungen. Einschüchterung und Gewalt zeigen Wirkung.

Am 25. März 1933 beschloss der Bundesvorstand des Reichsbanners die Selbstauflösung, mehrere Vorstandsmitglieder gingen ins Exil. Die Zerschlagung der Reichsbannerorganisation im Gau Berlin-Brandenburg-Grenzmark kann Sandvoß aufgrund fehlender Unterlagen nur bedingt rekonstruieren, dennoch  lassen sich einige Lebensschicksale aufhellen. Über vier der zehn Brandenburger Kreisleiter gibt es Verfolgtenakten. Zwei von ihnen, Otto Aigringer und Paul Liebeck,  wurden nicht nur in der NS-Zeit verfolgt, sondern auch während des stalinistischen Terrors  in der DDR, wie Sandvoß feststellen musste. So verbrachte Liebeck in der Nachkriegszeit vier Jahre im Zuchthaus Bautzen.

Die Untergrundtätigkeit von zwei  unterschiedlichen Reichsbannergruppen um den umsichtigen Theodor Haubach und den eher draufgängerischen Karl Heinrich beschreibt Sandvoß ausführlicher. Mitglieder des Reichsbanners waren in der Regel aber auch in der Gewerkschaft und in der SPD organisiert. Ihr Widerstand setzte sich oft in sozialdemokratischen Untergrundkreisen fort.

Die Sozialdemokraten der Provinz Brandenburg-Grenzmark zeichneten sich, so Sandvoß,  durch „einen sehr eigenwilligen Charakter“ aus. Anders als im Reichsbanner gab es keine gemeinsame Organisation  mit den Berlinerinnen und Berlinern.  Mit Emil Stahl hatte die SPD  Brandenburg-Grenzmark zwischen 1922 und 1933 einen langjährigen und erfahrenen Vorsitzenden, der auch im Widerstand eine Rolle spielte. Sandvoß zeichnet die Entwicklung der Parteiorganisation nach. Mit dem geretteten Protokollbuch des SPD-Ortsvereins Nowawes  nahe Potsdam kann er zudem beispielhaft die innerparteilichen Debatten darstellen, zu denen auf der letzten Ortsvereinssitzung am 15. Februar 1933 auch die Fehleinschätzung gehört, Hitler werde „zum Abwirtschaften keine vier Jahre“ brauchen.

Sandvoß hat zahlreiche Biographien und Zeitzeugenberichte aus der Sozialdemokratie ausgewertet. Einige stellt er beispielhaft vor. So erinnert er an  Paul Szillat, der sich noch Mitte Mai 1933 als SPD-Fraktionsvorsitzender im Preußischen Landtag in einer mutigen Rede gegen das Preußische Ermächtigungsgesetz wandte und im Juni 1933 verhaftet wurde. Später wurde er in der DDR erneut verfolgt. Sandvoß schildert Wankelmut und Überläufertum von manchen Sozialdemokraten,  aber auch die große Zahl derer, die verhaftet und gefoltert wurden. Für die SPD resümiert Sandvoß: „In der Frühphase des sich schrittweise herausbildenden sozialdemokratischen Widerstandes – in dem die örtlichen Gruppen zunächst eigenständige Reorganisationsbemühungen unternahmen – fällt eine sehr enge Verbindung von gesinnungstreuen Brandenburger und Berliner Funktionären ins Auge.“

Meist bestand die Widerstandstätigkeit in der Weitergabe und Verbreitung von Informationsschriften, wichtig für die Bewahrung des Zusammenhalts. Der Spremberger Ernst Tschickert berichtete 1948 beispielhaft von rund 300 Genossinnen und Genossen, die „im Kreismaßstab“ in den illegalen Apparat eingebunden worden seien, die illegale Frauengruppe im Kreis Spremberg  umfasste 68 Genossinnen. Neben organisierten Widerstandsgruppen wurden auch informelle Netzwerke geknüpft, die getarnt für Zusammenhalt und die Schulung von Kadern für die Zeit nach der NS-Diktatur sorgen sollten.  Schon 1938/39 verloren die sozialdemokratischen Untergrundgruppen den Kontakt zur Auslandsorganisation der Exil-Partei. Viele aktive Mitgliederwurden zum Kriegsdienst einberufen. Die neuen Träger des Widerstands, so Hans-Rainer Sandvoß,  waren Intellektuelle wie Julius Leber oder Adolf Reichwein, die für ein breiter angelegtes Bündnis gegen das NS-Regime standen.  Nach dem Attentat vom 20. Juli traf die folgende Verhaftungswelle in Berlin und Brandenburg zwischen 600 und 700 Personen, 180 Familienmitglieder wurden in Sippenhaft genommen.

Die zahlenmäßig kleinen kommunistischen Abspaltungen oder  linksozialistischen Gruppierungen und Parteien wie die SAP, die „Roten Kämpfer“ und die Gruppe Neu Beginnen spielten nur  in einigen Brandenburger Städten eine Rolle.  Hans-Rainer Sandvoß erläutert Strukturen und persönliche Verbindungen und zitiert aus den Gerichtsakten. Den offiziellen Berichten  stellt er dabei immer wieder  Zeitzeugenberichte gegenüber, aus denen die Brutalität des Vorgehens der Gestapo und die Foltermethoden deutlich werden.

Am besten dokumentiert war bisher der kommunistische Widerstand in der Provinz Brandenburg. Die Mitgliederzahl der KPD  in Berlin und Brandenburg lag bei über 37.800, das waren so viele wie die SPD allein Brandenburg hatte. Die KPD  dürfte dort über etwa 7000 Mitglieder verfügt haben.  Während die KPD als Partei der Arbeitslosen  zuletzt in Berlin bei Wahlen mehr Stimmen als die SPD  erhielt,  kam sie in Brandenburg nicht über zehn Prozent hinaus. Dennoch ist aus ihren Kreisen eine Vielzahl von Widerstandsaktivitäten belegt.

Über gemeinsame Aktionen zwischen KPD und SPD wurde zwar auch in Brandenburg nachgedacht, für ihr Scheitern macht Sandvoß aber vor allem die KPD verantwortlich, die ihre Angebote zur Zusammenarbeit stets an lokale SPD-Vorstände richtete und von denen sie eine Unterordnung unter die „die Hegemonie in der Arbeiterschaft anstrebende“ zentrale KPD-Führung erwartete. Frühzeitig wurden leitende Kader der verbotenen KPD verhaftet, vielfach waren Spitzel der Gestapo dafür verantwortlich.

Die offenbar zumindest in Teilen der KPD verbreitete Vorstellung, mit einem von der Roten Armee unterstützten bewaffneten Aufstand den Nationalsozialismus beseitigen zu können, führte 1934 zum Freienwalder Sprengstoff-Prozess gegen 15 Angeklagte. Für die Nationalsozialisten, so wertet es Sandvoß, waren die Pläne eine willkommene Vorlage, um ihr Terrorregime weiter zu rechtfertigen. Anlass zur Verfolgung bot in anderen Fällen aber auch schon die bloße Sammlung von Geldern für Angehörige von inhaftierten Kommunisten, die ohne jegliche staatliche Unterstützung auskommen mussten.

Auch wenn die DDR stolz ihre antifaschistische Tradition behauptete, erfolgte die Erforschung des Arbeiterwiderstands, wie Sandvoß darlegt, nur selektiv. So passte der Widerstand von Sozialdemokraten und unabhängigen Gruppen, die im Zuge der Stalinisierung der SED in den fünfziger Jahren verfolgt wurden, nicht ins offizielle Geschichtsbild der DDR-Führung. Verschwiegen wurde aber auch der Widerstand von nicht genehmen Kommunisten.   Darunter fielen etwa Aktionen von KPD-Mitgliedern in den Teilen der Provinz Brandenburg, die nach dem Kriegsende zu Polen gehörten. Auch andere kommunistische Widerstandskämpfer wurden ausgeblendet, so etwa der frühere Politische Leiter der KPD Max Hannemann, der unter der Gestapo-Folter zusammengebrochen war und Namen von Mitstreitern preisgegeben hatte. Oder ein junger Kommunist aus der Fürstenwalder Geheimgruppe „Kolonne X“, der bis 1945 im KZ saß und nach der Befreiung, so Sandvoß, „nicht allen ideologischen Anforderungen der Partei“ entsprach. Allerdings weist der Autor auch darauf hin, dass schon seit 1989 die Möglichkeit bestand, die Lücken der DDR-Forschung auszufüllen.

Mit seiner Untersuchung belegt Sandvoß, „dass es ähnlich wie in Berlin zwar keine geschlossene bzw. durchgehende ‚Front‘ des Arbeiterwiderstands im Brandenburgischen gab, wohl aber einige ständige ‚Unruheherde‘“.  Der Widerstand in Brandenburg erhält mit dieser Veröffentlichung – und dank vieler darin enthaltener Fotos – Namen und Gesichter.  „Ausgeforscht“, wie vielfach behauptet, war er jedenfalls nicht.

Hans-Rainer Sandvoß,  Mehr als eine Provinz! Widerstand aus der Arbeiterbewegung 1933-1945 in der preußischen Provinz Brandenburg, Lukas Verlag, Berlin 2019, 623 Seiten, 29,80 €, ISBN 978-3-86732-328-4.

 

Erschienen in: Perspektiven DS, Zeitschrift für Gesellschaftsanalyse und Reformpolitik, 36. Jahrgang, 2/19, Schüren Verlag