Cover "Der Zirkus" von Nils Minkmar
Cover „Der Zirkus“ von Nils Minkmar

Es ist ein unterhaltsames Buch. Schon der Titel deutet darauf hin. „Der Zirkus“ hat Nils Minkmar es überschrieben. Ja, und irgendwie kommt darin auch Peer Steinbrück vor.

Auf dem Cover ist der SPD-Spitzenkandidat bereits zu sehen. Quer über seinem Bauch steht der Untertitel geschrieben: „Ein Jahr im Innersten der Politik“. Und auf dem Titelfoto öffnet Peer Steinbrück gerade seinen Mantel ganz weit, so als würde er jetzt den Einblick in dieses Innerste gewähren wollen.
Der Verlag hat dem Buch einen Klappentext spendiert. „Der renommierte Journalist und Publizist Nils Minkmar“, so heißt es darin, „begleitete fast ein Jahr lang einen Protagonisten der hohen Politik, Peer Steinbrück, durch den Wahlkampf und hatte exklusiven Zugang zu wichtigen Terminen und Besprechungen. So gelingt ihm eine unvergleichliche Innenansicht des politischen Systems in Deutschland.“ Das klingt nach Geheimnissen, verspricht verborgene Einblicke, die selbst den ständigen Beobachtern der Bundespressekonferenz bislang verschlossen geblieben sind. Gibt es dieses „Innerste der Politik“ eigentlich noch in einer Mediengesellschaft, in der selbst die Kontoauszüge des Bundespräsidenten  bekannt sind?

Nils Minkmar, 2012 als Kulturjournalist des Jahres ausgezeichnet, ist seit vergangenem Jahr Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Und es ist eben dieser etwas andere Blick auf die Politik, der das Buch lesenswert und interessant macht. Was die Kolleginnen und Kollegen Minkmars aus dem Politikressort schon ungezählte Male beobachtet haben, vielleicht auch zu kurzen Nachrichten verarbeitet haben, gewinnt bei ihm eine neue Qualität. Minkmar lässt seine Leserinnen und Leser nicht nur an seinen Beobachtungen teilhaben, sondern auch an seinen Assoziationen oder an seiner Verwunderung, wenn   SPD-Mitglieder freiwillig durch Kälte und Regen zu Veranstaltungen mit dem Kanzlerkandidaten kommen. Minkmar fallen Bücher oder Filme ein, die seine Sicht illustrieren, er setzt sich mit Werten und Programmen auseinander. Aber er beschreibt auch die Diskrepanz zwischen seiner Wahrnehmung der Geschehnisse und ihrer Beschreibung, besser gesagt: Reduzierung,  in den aktuellen Medien.

Minkmar hat einen Vorteil gegenüber dem Kanzlerkandidaten, den er bei seinen Veranstaltungen und Treffen beobachtet: Beim Aufschreiben (oder zumindest beim Überarbeiten) des Textes kennt er das Endergebnis der Bemühungen.  Das macht es leichter, Fehler zu beurteilen. Dazu zählt er das Glaubwürdigkeitsproblem, das mit den Redehonoraren Steinbrücks einhergeht und der Antwort nach der Höhe des Kanzlergehalts einen anderen Zungenschlag gibt. Dazu zählt er zum Schluss auch das Bild des den Stinkefinger zeigenden Kandidaten.

Dazwischen liegt u.a. die Erstellung eines Wahlprogramms, das Minkmar inhaltlich, aber vor allem sprachkritisch untersucht und in der Überschrift zusammenfasst: „Eine bessere Zukunft für alle Menschen weltweit.“ Darunter mache es die SPD eben nicht, glaubt Minkmar, der das alles irgendwie ziemlich sympathisch findet, aber nicht richtig zielführend. In der Sprachschludrigkeit der Programmerstellung drückt sich in seinen Augen auch eine gewisse Orientierungslosigkeit aus. Und die Fülle der „schönen, aber kindlichen Wünsche“ könnte die SPD nicht einmal mit einer absoluten Mehrheit umsetzen.

Vieles an diesem Wahlkampf, so Minkmars Eindruck, passiert einfach und gehorcht keinem höheren Plan. Sein Resümee  nach fast einem Jahr fällt am Wahlabend dennoch differenziert aus: „Es bleibt eine ehrliche Hochachtung vor der körperlichen, kommunikativen Form des Kandidaten, vor der konzisen Arbeit seines engeren Teams, es bleibt ein Staunen über die Filterblasen der Medien und die Ratlosigkeit einer einst großen Partei.“

Nils Minkmar, Der Zirkus: Ein Jahr im Innersten der Politik, 224 Seiten, gebunden,  S. FISCHER Verlag 2013; ISBN-10: 3100488393, 19,99 Euro (e-book 17,99 Euro)