Gedenken an die ermordeten tschechischen Juden. Foto: Ulrich Horb
Gedenken an die ermordeten
tschechischen Juden. Foto: Ulrich Horb

Es ist ein bedrückender Gang in die Geschichte. In kleiner Schrift stehen an den Wänden der Prager Pinkas-Synagoge die Namen von 77.297 Juden aus Böhmen und Mähren, die zwischen 1939 und 1945 von den Nazis ermordet wurden. Die Namen halten die Erinnerung wach, eine kleine Ausstellung mit Kinderzeichnungen, Briefen und Gedichten gibt einen bewegenden Eindruck aus dem KZ Theresienstadt.

Der spätgotische Bau der Pinkas-Synagoge, 1530 von Aaron Meshullam Horowitz errichtet, ist eine von mehreren jüdischen Einrichtungen, die sich im Umkreis weniger hundert Meter in der Josefstadt befinden. Sie zeugen von der reichen Kultur und dem Alltag der Juden in Prag, aber auch von ihrer wechselvollen Geschichte.

 

Jüdisches Museum. Foto: Ulrich Horb
Jüdisches Museum. Foto: Ulrich Horb

Angesiedelt hatten sich jüdische Geschäftsleute und ihre Familien wohl schon im 10. Jahrhundert im Raum des heutigen Prag, zunächst auf der Kleinseite unterhalb der Prager Burg. Im 13. Jahrhundert wurden sie dort vertrieben und mussten sich auf der gegenüberliegenden Uferseite der Moldau – in der heutigen Josefstadt – in einem jüdischen Viertel einrichten. 1275 wurde die Altneusynagoge errichtet, die älteste gotische Synagoge in Europa.

Ringsumher entstanden Wohnhäuser und Schulen. Aber zwischen Jahren friedlichen Miteinanders war das jüdische Leben war immer wieder Verfolgungen ausgesetzt. Mehr als 3000 Juden starben Ostern 1389 bei einem Pogrom, als den Juden die Schuld an der Ausbreitung der Pest gegeben wurde. Ende des 15. Jahrhunderts kam es erneut zu einem Pogrom, als Juden die Unterstützung des Hussitenaufstands vorgeworfen wurde.

 

Maisel-Synagoge. Foto: Ulrich Horb
Maisel-Synagoge. Foto: Ulrich Horb

Eine Zeit des Aufatmens gab es in der Regierungszeit von Kaiser Rudolf II. (1576 – 1612), der das Gespräch mit Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde suchte und den wohlhabenden Bankier und Vorsteher der Jüdischen Gemeinde Prags Mordechaj Maisel zu seinem Finanzminister machte. 1577 gewährte Rudolf den Juden das Recht, auf ewig in Prag zu siedeln. Maisel ließ 1592 die damals größte Synagoge im jüdischen Viertel bauen. Ein Brand führte 1689 zu einer Verkleinerung der Synagoge, von 1895 bis 1905 wurde sie nach Plänen von Alfred Grotte in neugotischer Form umgebaut. Seit 1955 ist die Maisel-Synagoge Teil des Jüdischen Museums, heute ist hier eine Ausstellung über die jüdische Gemeinde in Böhmen zu sehen.

 

Grab von Wenzel 1601. Foto: Ulrich Horb
Grab von Wenzel 1601. Foto: Ulrich Horb
Jüdischer Friedhof. Foto: Ulrich Horb
Jüdischer Friedhof. Foto: Ulrich Horb

Maisel starb 1601, sein Grab befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof, auf engstem Raum zusammen mit rund 200.000 anderen Gräbern. Weil die Grabstellen nicht aufgehoben wurden, der Friedhof aber nicht erweitert werden konnte, wurden neue Gräber in neu aufgeschütteten Schichten übereinander angelegt. Bis zu neun solcher Schichten gibt es. Grabsteine stehen dichtgedrängt beieinander. Der älteste Grabstein stammt aus dem Jahr 1439, die letzte Beisetzung fand 1787 statt.

Auch Jehuda Liwa ben Bezalel, der als Rabbi Judah Löw (1525–1609) bekannte Erfinder des Prager Golems, liegt hier begraben. Der aus Lehm geschaffene Golem sollte das bedrängte jüdische Volk beschützen.

Jüdisches Viertel. Foto: Ulrich Horb
Jüdisches Viertel. Foto: Ulrich Horb

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts lebten knapp 12.000 Menschen im jüdischen Ghetto, das entsprach einem Anteil von rund 28 Prozent. 1744 verdächtigte Maria Theresia die Juden, gemeinsame Sache mit dem Feind Preußen gemacht zu haben und verfügte ihre Vertreibung aus Prag und anderen Städten, nahm die Regelung aber vier Jahre später zurück, weil der Wegfall der hohen Steuerzahlungen der jüdischen Familien Einnahmeverluste der Städte zur Folge hatte.

Rund 13.000 Prager Juden zogen in dieser Zeit nach Brandenburg, Sachsen, das Rheinland, einige fanden Zuflucht in Vororten Prags. Erst Maria Theresias Sohn Josef II. (1741 – 1790) sorgte mit Reformen für größere Freiheiten bei der Religionsausübung.

Josefstadt. Foto: Ulrich Horb
Josefstadt. Foto: Ulrich Horb

1848 wurden den Juden die Bürgerrechte verliehen, das erlaubte ihnen nun auch die freie Wahl des Wohnortes. Zugleich wurden die Ghetto-Mauern abgerissen. Danach zogen vor allem die wohlhabenden Familien aus dem Judenviertel fort, das ab 1850 zu Ehren Kaiser Josef II. „Josefstadt“ hieß.

Ende des 19. Jahrhunderts wurden die alten heruntergekommenen Bauten vollständig abgerissen, es entstanden die prachtvollen Wohnhäuser rings um die Synagogen, die noch heute hier zu sehen sind, die aber nichts mit dem einstigen Ghetto gemein haben.

 

Kafka-Museum. Foto: Ulrich Horb
Kafka-Museum. Foto: Ulrich Horb

Prags bedeutendster Schriftsteller Franz Kafka, 1883 geboren, ist nicht im jüdischen Viertel, aber in dessen Nähe in der Altstadt aufgewachsen. Auch wenn die Familie nicht gläubig war, nur die jüdischen Feiertage mit beging, fühlte sich Kafka später dem Judentum verbunden. „In uns leben noch immer die dunklen Winkel, geheimnisvollen Gänge, blinden Fenster, schmutzigen Höfe, lärmenden Kneipen und verschlossenen Gasthäuser“, beschrieb Kafka diese Verbundenheit. „ Wir gehen durch die breiten Straßen der neu erbauten Stadt. Doch unsere Schritte und Blicke sind unsicher. Innerlich zittern wir noch so wie in den alten Gassen des Elends. Unser Herz weiß nichts von der durchgeführten Assanation. Die ungesunde alte Judenstadt in uns ist viel wirklicher als die hygienische Stadt in uns.“

Der Holocaust beendete das reichhaltige jüdische Leben. Von 80.000 Juden in Böhmen und Mähren überlebten nur etwa 11.000 die Verfolgungen durch die Nationalsozialisten. Aus dem Großraum Prag wurden 45.000 Menschen nach Theresienstadt und in andere Konzentrationslager deportiert. Die kleine jüdische Gemeinde in Prag konnte nach 1945 nicht mehr an vergangene Zeiten anknüpfen, mit dem Beginn der kommunistischen Regierungszeit emigrierten noch einmal viele Juden. Nach der Wende 1989 begann ein vorsichtiger Neuanfang.

Ausstellung in der Klaus-Synagoge. Foto: Ulrich Horb
Ausstellung in der Klaus-Synagoge.
Foto: Ulrich Horb

Viele von den Nazis enteignete jüdische Kunstgegenstände, zusammengetragen für ein von ihnen geplantes „Museum einer untergegangenen Rasse“, sind jetzt in der Ausstellung des Jüdischen Museums in der Josefstadt zu sehen, das heute über 40.000 Objekte und 100.000 Bücher verfügt. Ein Informations- und Reservierungszentrum des Museums befindet sich in der Maiselstraße (Maiselova ulice). Mehr als 600.000 Besucherinnen und Besucher kommen jährlich in das Museum, das aus mehreren Synagogen, der Zeremonienhalle und dem Alten Friedhof besteht.

Pinkas-Synagoge, Maisel-Synagoge, die Klaus-Synagoge mit ihrer Ausstellung über jüdische Traditionen und Gebräuche, die Altneusynagoge, die spanische Synagoge und der alte jüdische Friedhof sind heute Teile des Jüdischen Museums, das Einblicke in die jüdische Geschichte in Prag gibt.

Jüdisches Museum in Prag, U Staré školy 141/1, Website des Jüdischen Museums

Alter Jüdischer Friedhof, Široká, Internetseite zum Alten Jüdischen Friedhof
Öffnungszeiten: täglich außer sonnabends und an jüdischen Feiertagen vom 25. März bis 26. Oktober 2018: 9 bis 18 Uhr, 28. Oktober bis 31. Dezember 2018: 9 bis 16.30 Uhr.

Auf der Kleinseite erzählt das Kafka-Museum, untergebracht in einer ehemaligen Ziegelbrennerei, die Lebensgeschichte des Schriftstellers. Cihelná 635/2b, 118 00 Malá Strana. Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr. Website des Kafka-Museums 

zum Fotoalbum Prag.