Cover "Wohin geht die SPD?"
Cover „Wohin geht die SPD?“

Während der neugewählte US-Präsident Obama 2009 gerade einen furiosen Start hinlegt und innerhalb weniger Tage unzählige Verordnungen erlässt, um Wahlversprechen einzulösen, ist in Deutschland ein Buch erschienen, das zu Beginn einen ebenfalls mit vielen Hoffnungen verbundenen, allerdings ziemlich holprigen Regierungsstart im Jahre 1998 beschreibt. In seinem Buch „Wohin geht die SPD?“ befasst sich Daniel Friedrich Sturm mit der Regierungsarbeit und den Zielen der SPD in den vergangenen zehn Jahren.

Sturm beschreibt akribisch Wahlkämpfe und Führungspersonal der SPD, er schildert interne Überlegungen und politische Entscheidungen. Der Wahlerfolg von 1998 offenbarte die zuvor überdeckten Widersprüche in der Partei. Die unterschiedlichen Erwartungen, verkörpert in den Gegenspielern Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder, ließen sich nicht in ein schlüssiges Politikkonzept gießen. Sturm betont die Bedeutung von Kanzleramtschef Bodo Hombach für die ersten Regierungsjahre Schröders, er zeigt auf, welchen Einfluss externe Berater auf die politische Entwicklung genommen haben.

Sturm, geboren 1973, ist Politikredakteur für „Welt“, „Welt am Sonntag“ und „Berliner Morgenpost“. Seine Dissertation „Uneinig in die Einheit“, die er 2006 veröffentlichte, fand viel Anerkennung und wurde mit dem Willy-Brandt-Preis der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung ausgezeichnet. Für sein neues Buch nahm er sich eine halbjährige Auszeit vom Journalismus. Er führte Gespräche mit den Verantwortlichen jener Zeit, mit Beobachtern, recherchierte in Protokollen und Veröffentlichungen. Das hat seine Perspektive beeinflusst. Er beschreibt die Akteure an der Spitze, ihr Handeln, ihr Zaudern, er breitet Motive aus, liefert auch psychologische Hintergründe und Charakterisierungen. Den damaligen Fraktionschef Franz Müntefering beschreibt er zum Beispiel knapp: „Müntefering ist ein lernendes System.“

Wie die Partei selbst diskutierte, wie sie in dieser Zeit funktionierte, spielt dagegen kaum eine Rolle. Sie taucht nur dann auf, wenn sich Franz Müntefering angesichts der Agenda-Reformen sorgt, dass die Fahne zu weit vor der Partei marschiert. Oder wenn Sturm aus der Historie eine Sehnsucht nach Opposition ableitet, auch wenn die bekanntermaßen „Mist“ ist. So liefert der Autor häufig eher Antworten auf die Frage „Wohin wird die SPD gegangen“.

Mitunter stößt er auch an Grenzen, wenn sich Erinnerungen allzu stark unterscheiden. So bleibt offen, ob die Reformnotwendigkeiten der zweiten  Legislaturperiode erst im Kanzleramt angepackt wurden oder, wie Wolfgang Thierse sich erinnert, in der Führungsspitze der SPD frühzeitig erkannt, nur mit Rücksicht auf mögliche vorzeitige Informationen aus den internen Gremiensitzungen dort nicht weiter thematisiert wurden.

Sturms stets spannend zu lesende Langzeitreportage liefert zahlreiche Details zur bekannten Geschichte. Nicht allen Einschätzungen und Vermutungen muss man folgen, aber etliche Beobachtungen und Charakterisierungen sind auch pointiert treffend. Und Sturm bricht eine Lanze für Gerhard Schröder, weist auf viele gesellschaftliche Reformen und die Entscheidung gegen den Irak-Krieg hin. Dies seien bleibende Verdienste – auch für die SPD.

Wer glaubt, das Ende sei bekannt, hat nicht mit Sturm gerechnet, der die Geschichte einfach weiter schreibt. Drei Szenarien entwirft er für die Zeit nach der Bundestagswahl. So breitet er genußvoll die Folgen einer Ampel-Koalition, eines Jamaika-Bündnisses oder der Fortsetzung der Großen Koalition aus und hat auch die Posten in Partei und Kabinett bereits verteilt. Ob das Kapitel die zweite Auflage übersteht, bleibt indes fraglich.

Daniel Friedrich Sturm,  Wohin geht die SPD? dtv premium, 2009, ISBN : 978-3-423-24709-2, Euro 16,90