Haupteingang zum Wiener Zentralfriedhof. Foto: Ulrich Horb
Haupteingang zum Wiener Zentralfriedhof. Foto: Ulrich Horb

In Wien „stirbt“ man nicht, da „fährt man mit dem 71er“. Denn die Straßenbahnlinie 71, im Wiener Volksmund auch „Witwenexpress“ genannt, ist die direkte Verbindung zum Wiener Zentralfriedhof, von dem die Wiener einst boshaft behaupteten, er sei  „halb so groß wie Zürich, aber doppelt so lustig“. Das ausgedehnte Friedhofsgelände ist letzte Ruhestätte zahlreicher berühmter Musiker, Komponisten, Schauspieler und Künstler.

Ab dem 16. Jahrhundert wurden die in der Wiener Altstadt befindlichen Friedhöfe nach und nach aus hygienischen Gründen geschlossen, neue Friedhöfe entstanden außerhalb der Stadtmauern. 1784 revolutionierte Kaiser Joseph II. mit seinen „Josephinischen Reformen“ das Bestattungswesen. Beerdigungen sollten weniger aufwändig erfolgen, Särge sollten klappbar und wiederverwendbar sein.  Das allerdings ließ sich aufgrund der Proteste aus der Bevölkerung nicht lange durchhalten.

1874 wurde der größte Friedhof, der Wiener Zentralfriedhof, eröffnet, entworfen von den Frankfurter Architekten Karl Jonas Mylius und Alfred Friedrich Bluntschli. Schon damals fuhr die Straßenbahn dorthin, allerdings noch von Pferden gezogen. Auch die Verstorbenen wurden bis zum Ende des 1. Weltkriegs mit Pferdewagen über die Simmeringer Hauptstraße transportiert, danach wurde die Strecke elektrifiziert.

Wiener Zentralfriedhof: Grabstelle von Johannes Brahms. Foto: Ulrich Horb
Wiener Zentralfriedhof: Grabstelle von Johannes Brahms. Foto: Ulrich Horb

Der neue Friedhof, zweieinhalb Quadratkilometer groß, unterstand nicht mehr der Kirche, sondern der Gemeinde Wien, die die Unabhängigkeit der Anlage von Konfessionen betonte. Die katholische Kirche mochte sich damit nur schwer abfinden, heimlich weihte sie den Boden.

Um alle Ansprüche zu erfüllen gliederte  sich der Zentralfriedhof in unterschiedliche Bereiche, u.a. einen interkonfessionellen Teil,  zwei  jüdische Friedhofsteile, einen katholischen und einen evangelischen. 330.000 Grabstellen finden sich hier, manche in baumbestandenen Waldbereichen, andere in liebevoll angelegten Friedhofsfeldern. Es gibt Orte des Gedenkens und der stillen Besinnung.

Wiener Zentralfriedhof: die Karl-Borromäus-Kirche. Foto: Ulrich Horb
Wiener Zentralfriedhof: die Karl-Borromäus-Kirche. Foto: Ulrich Horb

Max Hegele hat die zwischen 1908 und 1911 im Jugendstil erbaute römisch-katholische Friedhofskirche zum Heiligen Karl Borromäus entworfen.  Vor der Karl-Borromäus-Kirche befindet sich die Ehrengruft der österreichischen Bundespräsidenten, in der u.a. Nachkriegspräsident Karl Renner beigesetzt ist.

Auf dem Zentralfriedhof befinden sich zahlreiche Ehrengräber, die ab 1881 eingerichtet wurden, auch um die Akzeptanz des abgelegenen Friedhofs bei der Wiener Bevölkerung zu steigern. So finden sich hier die Gräber von  Ludwig van Beethoven und Franz Schubert, die vom Währinger Ortsfriedhof umgebettet worden sind.

Komponisten (u.a. Schönberg, Gluck, Brahms, Johann Strauß) und Schauspieler (u.a. Helmut Qualtinger, Curd Jürgens, Paul Hörbiger) sind hier begraben, die Grabstellen des österreichischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky und des Wiener Bürgermeisters Helmut Zilk, von Falco (Johann Hölzel) und Udo Jürgens.

Wiener Zentralfriedhof: Grabstelle von Udo Jürgens. Foto: Ulrich Horb
Wiener Zentralfriedhof: Grabstelle von Udo Jürgens. Foto: Ulrich Horb

 

„Es lebe der Zentralfriedhof“ sang bitterböse 1975 der österreichische Liedermacher Wolfgang Ambros: „Wann‘s Nocht wird über Simmering, kummt Leben in die Toten.“