Cover "Helmut Schmidt - Der Weltkanzler"
Cover „Helmut Schmidt – Der Weltkanzler“

Er hat selbst zahlreiche Bücher geschrieben, politisch-wissenschaftliche etwa zur Verteidigungs- und Wirtschaftspolitik, aber auch persönliche, in denen er eine Bilanz seiner Arbeit zieht oder die Begegnung mit Weggefährten schildert. Aber es gibt auch zahlreiche Veröffentlichungen über Helmut Schmidt, Biographien wie die von Hans-Joachim Noack aus dem Jahre 2008, die zweibändige Lebensbeschreibung von Hartmut Soell aus den Jahren 2003 und 2008  oder der 2015 erschienene  Band von Gunter Hofmann „Helmut Schmidt – Soldat, Kanzler, Ikone.“ Kristina Spohr hat jetzt unter dem Titel „Helmut Schmidt – Der Weltkanzler“ einen Band vorgelegt, der einen ganz speziellen Ausschnitt seines Lebens und Wirkens in den Mittelpunkt stellt.


Kristina Spohr, die als Associate Professor Internationale Geschichte an der London School of Economics lehrt, hat zwei längere Gespräche mit Helmut Schmidt führen können, sie hat Einblick in sein privates Archiv bekommen und zahlreiche Dokumente in den Archiven der Hauptstädte eingesehen. Die Deutsch-Finnin, die nach dem Studium ein Jahr lang im NATO Secretary General’s Private Office Brüssel gearbeitet hatte, hat sich intensiv mit der deutschen Außenpolitik nach 1945 und der Rolle von Gipfeltreffen in der Überwindung des Kalten Krieges befasst. Und  dabei spielte Helmut Schmidt in seiner Zeit als Bundeskanzler eine entscheidende Rolle.

Die Autorin setzt ihr Bild vom „Weltkanzler“ gegen das weit verbreitete Bild des von seiner Partei wenig geliebten Pragmatikers, der auf den Visionär Brandt folgte.  Sie will Schmidt als „konzeptionellen Denker“ präsentieren und konzentriert sich dabei im Wesentlichen auf den Ausschnitt der Wirtschafts- und Verteidigungspolitik, mit der Helmut Schmidt im Kreis der Großmächte eine Führungsrolle übernahm.


In beiden Gebieten hatte sich Schmidt bereits lange vor seiner Kanzlerschaft den Ruf eines Experten erworben. Dazu trug  die Veröffentlichung seines Buches „Verteidigung oder Vergeltung“ im Januar 1961 bei,  in dem der SPD-Bundestagsabgeordnete aus deutscher Sicht auf die NATO-Politik  blickte. „Ein Krieg in Europa“, so zitiert Kristina Spohr Helmut Schmidt, „würde von Deutschland sicherlich nur wenig übrig lassen – insbesondere  angesichts der derzeitigen NATO-Strategie.“ Schmidt, der den Zweiten Weltkrieg in Russland erlebt hatte und zum Verteidigungsexperten seiner Fraktion aufgestiegen war,  setzte sich für eine glaubwürdige Abschreckung ein, für die seiner Ansicht nach nicht die Drohung mit einem massiven Vergeltungsschlag durch strategische Atomstreitkräfte ausreichte, sondern auch ein Gleichgewicht zwischen Ost und West bei den konventionellen Waffen sorgen sollte.
Im November 1961 übernahm der Hamburger Bundestagsabgeordnete die Leitung der Polizeibehörde seiner Heimatstadt. Als Mitte Februar 1962 eine Sturmflut über Hamburg hereinbrach, organisierte der Senator Schmidt kurzerhand ohne große Rücksicht auf Zuständigkeiten  den Katastropheneinsatz. Dass er neben der Hamburger Polizei und Feuerwehr auch Bundeswehr- und NATO-Soldaten in den Einsatz schickte, bescherte ihm auch außerhalb Deutschlands das Image des „Machers“.

Seine internationalen und über das eigene politische Lager hinausreichenden Freundschaften, etwa mit Henry Kissinger, aber auch eine eindrucksvolle private Autoreise in die Sowjetunion und sein Interesse an den Entwicklungen in Ländern wie China, das er allerdings erst als Bundeskanzler 1975 auf einer Reise selbst in Augenschein nehmen konnte, sorgten für  eine erweiterte Sicht auf die Welt. Nach  Brandts Rücktritt 1974 kam Schmidt, zuvor Verteidigungs- und Finanzminister, ins Amt des Bundeskanzlers.

Schmidts Sorge galt der Weltwirtschaft. Von ihm und dem französischen Präsidenten Valéry Giscard d`Estaing  initiierte Gipfeltreffen der großen Industrienationen sollten für ein abgestimmtes Vorgehen sorgen. Noch heute finden die G7-Treffen regelmäßig statt. Er hob das Europäische Währungssystem aus der Taufe. Schmidt verschaffte in diesem Kreis nicht nur sich, sondern auch der Bundesrepublik internationale Anerkennung. Dass auch Willy Brandt wichtige Voraussetzungen dafür geschaffen hatte, wird bei Kristina Spohr nicht weiter thematisiert.

In einer zweiten Phase von Schmidts Kanzlerschaft spielten Verteidigungs- und Abrüstungsfragen die wesentliche Rolle. Der Nato-Doppelbeschluss, die Androhung einer Stationierung neuer amerikanischer Mittelstreckenraketen im Falle eines Scheiterns der Abrüstungsverhandlungen, ging wesentlich auf Schmidts Initiative zurück.  Kristina Spohr beschreibt ihn dabei als einen der „frühen Architekten der Ostpolitik“, auch wenn er „weniger sentimental“ an das Thema herangehe.

An einigen Stellen ist die Sichtweise Kristina Spohrs eigenwillig. Nach der Wahl 1976 habe Schmidt die Gelegenheit genutzt, um Egon Bahr „bei der Kabinettsumbildung aus dem Amt des Ministers für Wirtschaftliche Zusammenarbeit auf den nicht mehr mit Kabinettrang verbundenen Posten eines SPD-Bundesgeschäftsführers zu verschieben“, eine „Zurückstufung“, wie Spohr schreibt. Andere Quellen, bringen eher den scheidenden Bundesgeschäftsführer Holger Börner mit dem  Vorschlag  in Verbindung, Bahr an die Seite des ihm vertrauten SPD-Vorsitzenden Brandt zu stellen.  Dort sieht ihn Spohr als „ständigen Quälgeist“, während es  wohl auch darum ging, die friedensbewegte Partei zusammenzuhalten.

Mit der Konzentration auf wenige Politikfelder schärft Kristina Spohr den Blick auf den Einfluss Helmut Schmidts auf die Weltpolitik und rückt seine Verdienste zurecht. So habe etwa sein Nachfolger Helmut Kohl mit der Stationierung der Pershing II-Raketen die Glaubwürdigkeit der NATO gewahrt, aber im Grunde nur die von Helmut Schmidt vorgegebene Politik umgesetzt. Und sie macht die Leistung Schmidts als „Dolmetscher“ zwischen Ost und West in einer schwierigen Zeit des Kalten Kriegs deutlich.

Spohr, Kristina, Helmut Schmidt Der Weltkanzler, aus dem Engl. von Werner Roller, 2016, 384 S. mit 29 s/w Abb., Bibliogr. u. Reg., Theiss, Darmstadt.
ISBN: 9783806234046, 29,95 Euro