Strand von Alanya 1983. Foto: Ulrich Horb
Strand von Alanya 1983. Foto: Ulrich Horb

Immer mehr türkische Familien kehren zu Beginn der achtziger Jahre in die Heimat zurück. Allein in Kreuzberg wurden in den ersten drei Monaten des Schuljahres 1983/84 240 Schüler deshalb von der Schule abgemeldet – Kinder, die mehr oder weniger mühselig auf eine Integration in Deutschland vorbereitet wurden. Jetzt müssen sie in der Türkei von vorn anfangen.
Arbeitslosigkeit in Deutschland, zunehmende Ausländerfeindlichkeit und auch die härtere Gangart in der Ausländerpolitik sind wohl die Gründe für die steigenden Rückkehrerzahlen. So verzeichnet die Statistik für das  Jahr 1983 erstmals einen Rückgang an in Berlin lebenden türkischen Einwohnern: 117.370, das sind rund 2500 weniger als im Jahr zuvor. Aber die Rückkehrer erwartet nicht immer ein glückliches Leben in der Heimat. Wirtschaftliche Sorgen holen viele Heimkehrer bald ein. Die .Integration ist häufig schwieriger als angenommen – besonders für die Kinder.

Tamer O. lebt schon seit mehr als fünf Jahren wieder in der Türkei. Er hat eine Eisdiele aufgemacht, unten in Alanya, an der „türkischen Riviera“. Acht Monate lang ist Saison, im März geht es wieder los. In dieser Zeit kommen die Touristen, ein paar Kreuzfahrer auf Landurlaub, ein paar Deutsche, ein paar Österreicher. Die meisten Urlauber sind Türken, ein paar Geschäftsleute aus Istanbul, ein paar Beamte aus Ankara.

Eisdiele in Alanya 1983. Foto: Ulrich Horb
Eisdiele in Alanya 1983. Foto: Ulrich Horb

Das erhoffte Geschäft ist Tamers Eisdiele jedenfalls nicht geworden. Weit über hunderttausend Mark hat er in die Maschinen investiert. Ersparnisse aus seiner Zeit in Deutschland und geliehenes Geld. Dafür hat Tamer in Köln lange Jahre schwer gearbeitet, fünf Tage die Woche bei Ford Autos zusammengeschraubt. Dafür hat er sich, so sagt er, jahrelang in die warme Türkei zurück gesehnt und durch Ärger und ungewohnte Kost ein Magengeschwür eingehandelt.
Drei Sorten Eis kosten 25 Lira, das sind 30 Pfennig. Früh um sieben macht Tamer den Laden auf, geschlossen wird irgendwann nach Mitternacht, wenn keiner mehr vorbeikommt. „Sonst lohnt sich das Geschäft nicht.“
Abwechselnd stehen sein Freund und er hinter dem Tresen und warten. Kinder können hier nicht einfach einmal vorbeikommen. Sie haben kein Geld für eine Tüte Eis. Schon gar nicht die Kinder von Alanya. Die haben ihr Vergnügen daran, von einem schräggestellten Holzmast ins Hafenbecken zu springen. Das ist billiger und beliebig oft zu haben.
Ansonsten müssen sie zu Hause mithelfen oder im Laden. Oder auf dem Feld. Es sind nicht nur die mangelnden Kunden, die Tamers Eisladen so wenig einträglich machen – es ist auch die übergroße Konkurrenz. Keine zwanzig Meter weiter ist die nächste. Eisdiele, im Umkreis von hundert Metern sind noch zehn weitere, manchmal nur durch zwei Häuser getrennt. Das ist bei nahezu allen Branchen so, bei Apotheken, Lebensmittelläden, Restaurants.

Der Traum vom eigenen Laden
„Ich glaub‘, jeder Türke träumt davon, seinen eigenen Laden zu haben“, sagt der 18jährige Ramazan, der zu Besuch aus Berlin nach Alanya gekommen ist. Mutter und Schwester wohnen nicht weit von hier, der Vater arbeitet noch in Berlin. Auch Ramazan möchte hier irgendwann selbständig sein, eine kleine Werkstatt aufmachen. Vor Jahren wäre das noch einfacher gewesen. Inzwischen hat jede Stadt und jedes Dorf seine Alamanci, seine Deutschtürken, die hier einen Laden oder eine Werkstatt aufgemacht haben. „Was aber nutzen all die Läden“, meint Ramazan, „wenn sich keiner was kaufen kann?“
Gleich um die Ecke von Tamers Eisdiele hat Mehmet sein Geschäft aufgemacht. „Kunsthandwerk“, steht auf deutsch am Laden. Lampen und Bronzegegenstände bietet Mehmet hier an, seit zwei Monaten. Das Geschäft ist miserabel. „Mein Laden ist noch nicht so bekannt“, meint er. Mehmet kam vor einem Jahr aus Stuttgart. Seine Hoffnung: „Viele Touristen müssen kommen.“

Kindheit in Alanya. Foto: Ulrich Horb
Kindheit in Alanya. Foto: Ulrich Horb

Bislang sorgen nur die österreichischen Neckermänner dafür. Und natürlich kommen jedes Jahr zahlreiche Deutschtürken, die in der Bundesrepublik noch in Lohn und Arbeit stehen. Sie kurbeln das Geschäft an, decken sich mit Andenken ein, mit Lebensmitteln, mit maßgeschneiderten Anzügen. Und sie kaufen Geschenke für die Familie, gehen in die Restaurants.
Deutsch hat sich inzwischen als „Zweitsprache“ etabliert. „Maßschneiderei“ steht an einem Geschäft. „Jetzt kaufen- später zahlen“  an einem anderen.
Dreißigtausend Lira, ungefähr 350 Mark, ist das Durchschnittseinkommen einer türkischen Familie. Mindestens ein Drittel davon geht für die Miete drauf. Die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei 20 Prozent. Vor allem für die rund 400.000 Jugendlichen, die jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt drängen, ist kaum mehr als Hilfsarbeit da. Sie bringen Tee in die umliegenden Geschäfte, schleppen Lasten oder helfen zu Hause.
„Wenn ich hierher zurück will „, sagt Ramazan, „dann bleibt mir doch gar nichts anderes übrig, als mich selbständig zu machen.“

Boutique in Alanya. Foto: Ulrich Horb
Boutique in Alanya. Foto: Ulrich Horb

Als Urlauber allerdings ist er zu Hause lieber gesehen. Da bringt er Geschenke mit, die hier unbezahlbar wären, technische Geräte etwa oder hochwertige Kleidung. Und auch der türkische Staat legt wohl wenig Wert auf weitere Heimkehrer, kann er den Deutschtürken doch viel besser in die Tasche greifen.
Zwanzigtausend Mark kostet beispielsweise die Verkürzung des Wehrdienstes für all die, die in der Bundesrepublik einen Job haben. Statt 18 Monaten brauchen sie dann nur zwei anzutreten.
Das lohnt sich, denn anderthalb Jahre später stünden die Deutschtürken in der Bundesrepublik wahrscheinlich vor verschlossenen Türen. Mindestens aber wären sie ohne Arbeit.
„In den türkischen Zeitungen liest man jetzt viel über die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland“, sagt die 16jährige Gülden, die im Sommer ihr Heimatdorf in Ostanatolien besucht hat. „Die Leute haben richtig Mitleid mit uns.“
Ein bisschen Neid mischt sich allerdings drein. Viele Deutschtürken haben ihre Ersparnisse hier in Häusern, Geschäften oder Beteiligungen an Fabriken angelegt. Dreißig-, vierzigtausend Mark, dafür ist schon ein schönes Wohnhaus zu bekommen. Vorbereitung für eine Rückkehr, die allerdings noch in den Sternen steht. Die vielleicht auch nie stattfindet.

Die Waren finden keine Abnehmer

Alanya 1983. Foto: Ulrich Horb
Alanya 1983. Foto: Ulrich Horb

Viele Rückkehrer haben ihren Traum vom besseren Leben in der Türkei schon wieder ausgeträumt. Ganze Genossenschaften von Rückkehrern mussten aufgeben, weil ihre Produkte keine Abnehmer fanden oder weil sie die Zinsen für zusätzliche Kredite nicht mehr zahlen konnten. Kleine Geschäfte sichern, wenn überhaupt, gerade das Überleben einer Familie. Immerhin ist das mehr, als mancher Daheimgebliebene hat.
Für die Eltern ist die Türkei auch nach zehn, zwölf Jahren noch ihr Zuhause, für die Kinder ist es eher ein Ferienreiseziel, wo viele unbekannte Onkel und Tanten warten. Gülden etwa glaubt nicht, dass sie sich im Dorf einleben könnte. „Mädchen“, sagt sie, „sind dazu da, Wasser zu holen, Tee zu kochen, Essen zu machen.“ Widerspruch gibt es nicht. Gülden, die in Deutschland gelernt hat, Fragen zu stellen, gilt als unerzogen. Wenn sie sich weigert für den Cousin Besorgungen zu machen, ist die Familie peinlich berührt. Mädchen, die mit ihren Eltern ins Dorf zurückgekehrt sind, sind todunglücklich. Mangelhafte Türkischkenntnisse, kaum Kontakt nach draußen. Dafür müssen sie sich wieder einfügen in die Familienstrukturen, mit den Großeltern als Oberhaupt.

Alanya 1983. Foto: Ulrich Horb
Alanya 1983. Foto: Ulrich Horb

Die Türkei braucht Devisen und keine Arbeitskräfte, das haben viele Rückkehrer inzwischen gemerkt. Solange sie ihr in Deutschland verdientes Geld im Sommer in der Türkei ausgeben, gelten sie etwas. Wenn sie erst wieder im Alltag stecken, ist es damit vorbei, sinkt ihr Lebensstandard.
Rückkehrhilfen, wie sie derzeit etwa in West-Berlin vom CDU-Senat angeboten werden, stellen so kaum einen Anreiz dar. Sie reichen höchstens für die Umzugskosten. Arbeitslosigkeit und Ausländerhass sind da ernstere Faktoren. Aber nicht für die, die hier aufgewachsen sind. „Ich fühle mich nicht wohl in Berlin“, sagt Gülden, „aber in die Türkei würde ich trotzdem nicht gehen. Selbst, wenn meine Eltern gingen.“

(Namen geändert. Der Artikel entstand 1984 für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, veröffentlicht u.a . im Volksblatt Berlin, 26. Februar 1984)