Karl-Marx-Hof in Wien. Foto: Ulrich Horb
Karl-Marx-Hof in Wien. Foto: Ulrich Horb

Es war ein ehrgeiziges Projekt.  Zwischen 1926 und 1930 entstand in Wien nach Plänen von Karl Ehn eine der größten städtischen Wohnanlagen und mit 1,2 Kilometern der längste zusammenhängende Wohnbau der Welt: der Karl-Marx-Hof. Eine Anlage, bestehend aus damals 1.382 Wohnungen für etwa 5.000 Bewohnerinnen und Bewohner. „Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen“, verkündete Wiens sozialdemokratischer Bürgermeister Karl Seitz stolz bei der Einweihung am 12. Oktober 1930.

Als Gemeinschaftseinrichtungen gehörten zum Karl Marx-Hof zwei Zentralwäschereien mit 62 Waschständen, zwei Bäder mit 20 Wannen und 30 Brausen, zwei Kindergärten, eine Mutterberatungsstelle, ein Jugendheim, eine Bibliothek, eine Zahnklinik, eine Krankenkassenstelle mit Ambulatorium, eine Apotheke, ein Postamt, mehrere Arztpraxen, Kaffeehäuser, Räumlichkeiten für politische Organisationen und 25 Geschäftslokale. Wien kümmerte sich um seine Bürgerinnen und Bürger und ließ auch die einkommensärmeren nicht im Stich.

Museum im Karl-Marx-Hof in Wien. Foto: Ulrich Horb
Museum im Karl-Marx-Hof in Wien. Foto: Ulrich Horb

Die Geschichte des berühmten Wohnblocks und die Geschichte der Wiener Arbeiterbewegung zeigt eine Ausstellung in einem Museum zum „Roten Wien“, das sich in den oberen Stockwerken des Waschsalons Nr. 2 in der Halteraugasse 7 befindet. Dokumente, Fotos, Bücher, Büsten und traditionelle Fahnen erzählen von den historischen Leistungen der Sozialdemokratie.

Wiener Gemeindebauten

Mit dem Metzleinstaler-Hof im Bezirk Margareten, dem 5. Bezirk, wurde 1920 der erste Gemeindebau Wiens fertiggestellt, der Vorbildcharakter für weitere Bauten hatte. Trotz der nahen Hauptverkehrsstraße, dem Gürtel, sind die 244 Wohnungen ruhig, der Zugang zu den Aufgängen erfolgt vom geschützten Hofinnern aus. Im Erdgeschoss der denkmalgeschützten Anlage befindet sich ein Kindergarten. Einige weitere Gemeindebauten wurden in der Nachbarschaft errichtet. Während an der Ringstraße prachtvolle bürgerliche Bauten standen, galt der  Gürtel   als „Ringstraße des Proletariats“.

Metzleinstaler-Hof im Bezirk Margareten. Foto: Ulrich Horb
Metzleinstaler-Hof im Bezirk Margareten. Foto: Ulrich Horb

Zu den damaligen Errungenschaften gehörte auch das in den Jahren 1923-1926 erbaute Amalienbad, das mit einer Kapazität von 1.300 gleichzeitigen Besuchern das größte Hallenvolksbad Wiens war. Zu dieser Zeit verfügten die Wohnungen noch nicht über eigene Bäder. Bis 1933 konnten im Arbeiterbezirk Favoriten 43 Volkswohnhäuser errichtet werden, in den zehn Jahren zwischen  1923 und 1933 wurden in Favoriten 9.553 Wohnungen bezogen. Möglich wurde das durch eine Wohnungsabgabe, die private Gewinne im Wohnungsbau abschöpfte.  Österreich hatte 1919 rund 6,5 Millionen Einwohner, in Wien lebten allein 3,5 Millionen. Das „Rote Wien“ erlangte die Steuerhoheit und führte u.a. eine zweckgebundene gestaffelte Wohnungsbausteuer ein, wobei  0,5 Prozent der Objekte 44,5 Prozent der Gesamtsteuer erbrachten. Aus dieser Luxussteuer wurde Bauland gekauft und es wurden Gemeindewohnungen errichtet, die bis heute bezahlbaren Wohnraum sichern.

Wien Bürgermeister Michael Ludwig. Foto: Ulrich Horb
Wiens Bürgermeister Michael Ludwig. Foto: Ulrich Horb

Seit 1918 wird Wien von sozialdemokratischen Bürgermeistern regiert, am 24. Mai 2018 hat Michael Ludwig, zwischen  2007 und 2018 Wiener Stadtrat für Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung,   die Nachfolge von Michael Häupl als Bürgermeister und Landeshauptmann von Wien angetreten. Zugleich ist er Vorsitzender der SPÖ Wien. Seit den Wahlen 2015 wird Wien rot-grün regiert.

Wien, die lebenswerteste Stadt

Wien ist heute eine  Stadt mit gut 1,8 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Fast 190.000 Studierende machen Wien zur größten Universitätsstadt im deutschsprachigen Raum und zu  einer jungen Stadt. Wien ist laut Umfrage der Zeitschrift „The Economist“ unter 140 Städten weltweit die lebenswerteste, sie ist sauber, hat einen funktionierenden Nahverkehr. In Wien mit seinen 440.000 geförderten Wohnungen, davon 220.000 im Gemeindebesitz, ist der Mietenmarkt halbwegs stabil. Und die Stadt hat auch in einer Zeit ihre Wohnungen behalten, als bundesdeutsche Städte große Bestände an private Anbieter verkauften. 60 Prozent der Wienerinnen und Wiener wohnen im geförderten Wohnungsbau mit Mieten von rund 6,50 Euro kalt. Gemeindewohnungen sind keine Sozialwohnungen, es gibt eine normale Mischung von Mieterinnen und Mietern.

Karl-Marx-Hof in Wien. Foto: Ulrich Horb
Karl-Marx-Hof in Wien. Foto: Ulrich Horb

Wien wächst schnell, baut aber auch weiter Gemeindewohnungen und unterstützt den Bau von Genossenschaftswohnungen. Öffentliche Mittel fließen in die Objektförderung, nicht in eine  Förderung der Mieter durch Wohngeld, das vornehmlich den privaten Vermietern zugutekäme. Wien wächst heute vor allem auf Grund der Binnenwanderung, viele Jüngere ziehen aus den Bundesländern in die Hauptstadt. Zudem steigt der Geburtenüberschuss, was den Bau weiterer Kindergärten und Schulen erfordert.

Mit der Uno-City ist ein großes Neubaugebiet an der Donau entstanden,  mit dem Donaupark, in dem der 1964 im Rahmen der Internationalen Gartenschau eingeweihte Donauturm einen Überblick über die ganze Stadt vermittelt, steht ein in den sechziger Jahren gestaltetes Erholungsgebiet zur Verfügung.

Geschichte der SPÖ

Die heutige SPÖ geht auf die zur Jahreswende 1888/89 im niederösterreichischen Hainfeld gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) zurück, die die Arbeiterbewegung im habsburgischen Vielvölkerstaat vereinte. Maßgeblichen Anteil an der Zusammenführung der unterschiedlichen Strömungen hatte der Arzt und Journalist Victor Adler (geb. 24. Juni 1852 in Prag, gest. 11. November 1918 in Wien). Der charismatische Parteivorsitzende stand  für einen pragmatischen Reformkurs und konnte während des 1. Weltkriegs eine Spaltung der Arbeiterbewegung wie in Deutschland verhindern.

Neben Adler war Karl Renner (geb. 14. Dezember 1870 in Untertannowitz, Mähren;  gest.  31. Dezember 1950 in Wien) die prägende Persönlichkeit der österreichischen Sozialdemokratie. Renner, der schon im Kaiserreich aktiv war, wurde 1918 Staatskanzler der ersten Republik, er erlebte Unterdrückung und Verfolgung während des Austrofaschismus und wurde nach 1945 erneut Staatskanzler der zweiten Republik und erster Bundespräsident.  Er war eine wichtige Identifikationsfigur der Sozialdemokratie.

Museum im Karl-Marx-Hof in Wien. Foto: Ulrich Horb
Museum im Karl-Marx-Hof in Wien. Foto: Ulrich Horb

Mit dem Ende des 1. Weltkriegs erklärten etliche ehemalige Landesteile des Habsburgerreiches ihre Unabhängigkeit. Übrig blieb ein Gebiet der deutschsprachigen Bevölkerung, das zunächst den Namen Republik Deutschösterreich erhalten sollte und den Anschluss an die deutsche Republik suchte. Damals herrschte der Eindruck vor, es sei nur ein „jämmerlicher Rest“ des einstigen Reiches geblieben. Letztlich unterbanden aber die Siegermächte den gewünschten Zusammenschluss mit der Weimarer Republik und legten den Landesnamen Österreich fest.

Mit der Gründung der Republik gingen zahlreiche Reformen einher: die Einführung einer Arbeitslosenunterstützung, die Einführung des achtstündigen Arbeitstages, die Beschränkung der Arbeitszeit für Frauen und Jugendliche auf 44 Stunden, die Einführung eines Urlaubsanspruches, die Verankerung von Mitbestimmung.

Zwischen 1920 und 1934 befand sich die Sozialdemokratie in der Opposition, auch wenn sie 1930 stärkste Fraktion wurde. 1933 nutzte die Regierung Dollfuß  eine Geschäftsordnungskrise des Parlaments, um dessen erneutes Zusammentreten zu verhindern. Mit Hilfe eines nach wie vor gültigen kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes von 1917 erließ er fortan Gesetze durch Verordnungen. Statt der Organisation eines  Generalstreiks setzte die Sozialdemokratie auf den Rechtsweg und das Verfassungsgericht. Ein verhängnisvoller Fehler. 1934 wurde nach Protesten die Sozialdemokratie verboten, der sozialdemokratische Wiener Bürgermeister Karl Seitz wurde abgesetzt.  Die bürgerliche Regierung bog ab in Richtung Diktatur.

Erster Bundespräsident der Nachkriegszeit wurde der Sozialdemokrat Karl Renner. Zwischen 1947 und 1966 regierten Große Koalitionen aus SPÖ und ÖVP, es folgte eine Alleinregierung der ÖVP, die vom Sozialdemokraten Bruno Kreisky abgelöst wurde, der von 1970 bis 1983 regierte. Immer wieder wurden Große Koalitionen gebildet, von 1986 bis 2000, von 2007 bis 2016. Zwar bestimmten immer wieder sozialdemokratische Bundeskanzler das Bild Österreichs, eine rein sozialdemokratische Politik allerdings gab es nur wenige Jahre lang –  anders als im „Roten Wien“.