Prag: Blick über die Moldau zur Burg. Foto: Ulrich Horb
Prag: Blick über die Moldau zur Burg.
Foto: Ulrich Horb

zum Fotoalbum Prag. Zierliche Engelsgesichter schauen von goldgelben Fassaden auf die Passanten herab, überlebensgroße Steinskulpturen bewachen die Eingänge von Wohnhäusern. Unweit davon ragen eckige dunkle Steintürme  im Häusermeer empor. Es ist ein Spaziergang durch die Stilrichtungen und Kunstepochen. Romanik, Gotik, Renaissance, Barock,  Jugendstil – in Prag liegen nicht Jahrhunderte, sondern nur wenige hundert Meter zwischen ihnen.  Jeder Blick in eine der Seitenstraßen, in eine der zahlreichen kleinen Gassen, bietet neue An- und Einsichten. Das beginnt schon auf dem Prager Hauptbahnhof, wenn die Reisenden den schmucklosen Gang von den Bahnsteigen zur modernen Haupthalle mit ihren gläsernen Geschäften entlang gehen und sich plötzlich unvermittelt über ihnen der Blick in die jugendstilverzierte Kuppel der alten Bahnhofshalle wie ein Fenster in die Vergangenheit öffnet.

Prag, das sind gleich vier Städte, die 1784 zu einer wurden.  Altstadt, Neustadt, Kleinseite und Hradschin liegen eng beieinander  und haben doch ihren eigenen Charakter, ihre Besonderheiten.  Hoch über der Stadt thront die Burg, am Abend spiegeln sich ihre Lichter im Wasser der Moldau.  Es ist das Motiv, das unzählige Postkarten ziert und Touristen aus aller Welt lockt, die in Gruppen hinter emporgestreckten Regenschirmen laufen.

Pan Tau: Begegnung mit einer Filmfigur. Foto: Ulrich Horb
Kunstfigur im Straßenbild.
Foto: Ulrich Horb

2016 besuchten 7,07 Millionen Touristen die tschechische Hauptstadt, 2017 waren es bereits 7,65 Millionen, die meisten kamen aus Deutschland. Damit gehört die Stadt, der 1992 von der UNESCO  der Welterbetitel verliehen wurde, zu den meistbesuchten europäischen Metropolen.

Die Geschichte der Prager Burg  reicht ins 9. Jahrhundert zurück. Hier residierten die böhmischen Herzöge und Könige. Die Befestigungsanlage wurde in den folgenden Jahrhunderten immer wieder umgebaut, aus dem Holzbau wurde eine Steinburg, zusätzlich zur St.-Marien-Kirche  entstand die St.-Georgs-Basilika. Um 1070 zog Böhmens erster König Vratislav II. in eine neue Residenz auf den Vyšehrad, die Prager Burg blieb Sitz der Bischöfe. Im 12. Jahrhundert kehrten die böhmischen Herrscher  zurück.

Prager Burg. Foto: Ulrich Horb
Prager Burg. Foto: Ulrich Horb

Ein Großbrand machte die Burg 1303 unbewohnbar, bis Karl IV. drei Jahrzehnte später den Wiederaufbau in Angriff nahm. Mit der Stadt Hradschin, der „Burgstadt“ westlich der Burg, entstand – nach der Altstadt und der Kleinseite – die dritte Prager Stadt. In der Burganlage begann Mitte des 14. Jahrhunderts  der Bau des Veitsdoms, der Kathedrale des Erzbistums Prag, dessen Turmspitzen mit dem 99 Meter hohen Hauptturm heute die charakteristische Silhouette über der Stadt bestimmen.  Fast 600 Jahre dauerte es allerdings bis zur Fertigstellung des gotischen Kirchenbaus, erst im 19. und 20 Jahrhundert entstand der Bereich zwischen dem heutigen Haupteingang und dem Mittelschiff. Dort finden sich auch neuere Einflüsse wie das von Jugendstil-Künstler Alfons Mucha entworfene farbige Glasfenster mit Szenen aus dem Leben des heiligen Kyrill.

Veitsdom auf der Prager Burg. Foto: Ulrich Horb
Veitsdom auf der Prager Burg.
Foto: Ulrich Horb

Der alte Kaisersitz, rund sieben Hektar groß, Schauplatz des zweiten Prager Fenstersturzes, der den Dreißigjährigen Krieg auslöste,  ist heute Sitz des tschechischen Staatspräsidenten und Aufbewahrungsort der tschechischen Kronjuwelen. Gotische, romanische und barocke Bauelemente bestimmen die von zwei stoischen Wachsoldaten geschützte Burganlage, von der aus  der Blick weit über die Moldau reicht. Die Anlage umfasst neben dem Veitsdom und dem  St. Georgs-Kloster auch das  Goldene Gässchen mit seinen kleinen bunten Häuschen, in denen einst Goldschmiede wohnten, einige Zeit lang aber auch der Schriftsteller Franz Kafka. Im Wehrgang über den Häusern sind alte Rüstungen und Waffen ausgestellt, die Häuser beherbergen kleine Läden oder geben Einblicke in den früheren Alltag.

 

Prag: alte Schlossstiege. Foto: Ulrich Horb
Prag: alte Schlossstiege.
Foto: Ulrich Horb

Die alte Schlossstiege, eine schier endlose Treppe, führt unweit der Metro-Station Malostranská hinauf zur Ostseite der Burganlage mit ihren drei Schlosshöfen. Bequemer ist die Fahrt mit der Tram 22 zur Station Pohořelec.  Der Besuch der Burganlage ist zwar kostenlos, aber die Besichtigung der Gebäude und des Goldenen Gässchen kostet jeweils Eintritt. An den Eingängen zur Burg, des meistbesuchten tschechischen Baudenkmals,  kann es zu längeren Wartezeiten kommen.

 

Unterhalb der Burg erstreckt sich die Prager Kleinseite (tschechisch: Malá Strana), die zweite Stadtgründung nach der Altstadt an diesem wichtigen europäischen Handelsknoten und bis 1784 eigenständig.

Prager Kleinseite. Foto: Ulrich Horb
Prager Kleinseite. Foto: Ulrich Horb

Entstanden ist die Kleinseite im 9. Jahrhundert zunächst als Vorburg.  Mitte des 13. Jahrhundert holte König Přemysl Ottokar II. Siedler aus Norddeutschland. Der heutige Name Kleinseite leitet sich von der im 14. Jahrhundert gebräuchlichen lateinischen Bezeichnung Civitas Minor Pragensis ab. Karl IV. (1313 – 1378),  König von Böhmen, dann auch von Italien und schließlich römisch-deutscher Kaiser, trieb die Entwicklung der „Goldenen Stadt“ Prag mit ihren warmglänzenden Türmen durch zahlreiche Bauten  und die Gründung der Karls-Universität voran.  Etliche Kirchen und die Karlsbrücke entstanden in jener Zeit. Die Hussitenkriege 1419/1420, aber auch Brände zu Beginn des 16. Jahrhunderts zerstörten große Teile der Kleinseite. Neue Renaissance-Paläste des Adels fanden nun Platz.  Nach dem Dreißigjährigen Krieg zog der Barock ein.

Prager Altstadt. Foto: Ulrich Horb
Prager Altstadt. Foto: Ulrich Horb

Auf der anderen Seite der Moldau liegen die Prager Altstadt (tschechisch: Staré Město)  und die Neustadt.  Die Altstadt an der Moldau erhielt um 1230/1234 Stadtrechte und war damit zeitlich die erste Prager Stadt, 1348 erfolgte als vierte und letzte Stadtgründung  die der Neustadt. Ihre klare Gliederung hat sich erhalten. Kirchen wurden so angelegt, dass ihre Standorte ein Kreuz bildeten. Und mit dem 700 Meter langen Wenzelsplatz, dem früheren Rossmarkt,  seit 1848 benannt nach dem Heiligen Wenzel, gibt es heute einen weitläufigen Boulevard, der wenig vom Charakter eines  Platzes hat.  Zwischen dem am oberen Ende des Platzes gelegenen 1890 errichteten Nationalmuseums  und dem Wenzels-Denkmal braust heute der Verkehr, am unteren Ende des Platzes geht der Platz in eine etwas ruhigere Fußgängerzone über. Am Fuße des Denkmals erinnert eine kleine Gedenkstätte  an die Studenten Jan Pallach und Jan Zajíc, die sich Anfang 1969 aus Protest gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten selbst verbrannten. 1989 versammelten sich hier Tausende Demonstranten, die mit ihrer „samtenen Revolution“ das Ende des kommunistischen Regimes einleiteten. Hotels und Restaurants, Souvenirshops und Modeketten, Passagen und Kinos bestimmen heute das Bild des Wenzelplatzes.

Hinter Bauplanen verdeckt: die astronomische Uhr am Altstädter Rathaus. Foto: Ulrich Horb
Hinter Bauplanen verdeckt: die
astronomische Uhr am Altstädter
Rathaus. Foto: Ulrich Horb

Zur Altstadt hin werden die Gassen schmaler und malerischer, mit dem Altstädter Ring öffnet sich dann wieder ein großer Marktplatz, an dem u.a. das Altstädter Rathaus, das Jan-Hus- Denkmal, das Palais Kinsky und die Nikolauskirche liegen. Das Rathaus wurde im 14. Jahrhundert errichtet,   wenige Tage vor der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945  wurde es wie einige andere historische Gebäude  schwer beschädigt, als Einheiten der Waffen-SS versuchten, den  Aufstand tschechischer Widerstandskämpfer niederzuschlagen.  Der neogotische Rathausanbau brannte nieder und wurde später abgerissen. Heute erinnert dort eine Gedenkstätte an die Opfer des Aufstands.  Eine vom Uhrmacher Mikuláš z Kadaně   1410 gebaute astronomische Uhr  zieht zahlreiche Touristen an, im Frühjahr 2018 finden sie sie allerdings verhüllt hinter Planen, denn das Rathaus wird gerade restauriert.

Prag, das ist vor allem auch Jugendstil. Überall im Stadtbild finden sich seine Zeugnisse, etwa am Gemeindehaus, das zwischen 1906 und 1912 errichtet wurde. Hier wurde 1918 die Republik ausgerufen, heute finden hier regelmäßig Konzerte oder das Festival Prager Frühling statt. An der Gestaltung der Innenräume wirkte unter anderem der Künstler Alfons Mucha mit, über dessen vielseitiges Wirken ein eigenes kleines Museum (Kaunický Palác, Panská 7, 110 00 Nové Město) Auskunft gibt. Ein Caféhaus im Gemeindehaus lädt zum Verweilen ein, nicht weit davon entfernt gibt es mit dem „Imperial“ ein weiteres Café mit Jugendstil-Flair. Und am Wenzelsplatz bietet das Café in der Lucerna-Passage seine Spezialitäten an.

Ganz im Jugendstil: das Prager Gemeindehaus. Foto: Ulrich Horb
Ganz im Jugendstil: das Prager
Gemeindehaus. Foto: Ulrich Horb

Mehr zum Jugendstil
Mehr zum Jüdischen Prag

 

 

 

 

 

 

 

zum Fotoalbum Prag in der Galerie