Cover "1945 Niederlage und Neubeginn"
Cover „1945 Niederlage und Neubeginn“

Hitler hatte die gesamte Welt in den Krieg gerissen. Als er 1945 endete, zog sich eine Spur des Leids und der Zerstörung durch Europa und Asien. In einem großformatigen und reich illustrierten Band, herausgegeben von Ernst Piper, beschreiben Historiker und Journalisten die Ausgangslage und den sehr unterschiedlichen Neubeginn in den verschiedenen Teilen der Welt nach 1945.

Wie zuvor schon in seinem Band „Das Zeitalter der Weltkriege 1914 bis 1945“ hat Ernst Piper eine Reihe von Autoren eingeladen, die in ihren Beiträgen einzelne Regionen und Entwicklungen in den Blick nehmen und den Neubeginn nicht nur auf Deutschland beschränken. Mitunter gibt es kleinere thematische Überschneidungen, aber dafür ist jeder Text in sich geschlossen und lesbar. 

Zu den Autoren gehören u.a. Dr. Gerd Hankel, der an der Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht beteiligt war, der ehemalige Grünen-Politiker und Sozialwissenschaftler Ralf Fücks, Antisemitismus-Experte Prof. Dr. Wolfgang Benz, Prof. Michael Schwarz aus dem Beraterkreis der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ oder der Welt-Redakteur Sven Felix Kellerhoff. Sie alle setzen eigene Akzente und sorgen für unterschiedliche Sichtweisen.

Der Krieg hat in allen Regionen tiefe Spuren hinterlassen, menschlich, politisch, wirtschaftlich. Die siegreiche Anti-Hitler-Koalition ist jedoch schnell am Ende der Gemeinsamkeiten angekommen.  Der Abwurf der Atombomben über Japan, der die Kapitulation erzwingt, ist auch ein deutlicher Hinweis an Stalin und die Sowjetunion, deren siegreiche Rote Armee weite Teile Europas besetzt hat, die westlichen Alliierten als Kraft nicht zu unterschätzen.

Der Neubeginn ist zumindest teilweise in den Vereinbarungen der Anti-Hitler-Koalition vorgezeichnet. Faktisch haben nicht alle geplanten Grenzziehungen Bestand. Mit der Zweiteilung Europas entstehen neue strategische Interessen. So setzt die Sowjetunion die ihr zugebilligten Reparationsleistungen in Ostdeutschland weiter durch, während die westlichen Alliierten den demokratischen Aufbau Westdeutschlands auch wirtschaftlich untermauern wollen. Ralf Fücks weist in seinem Beitrag auf den großzügigen Schuldenerlass für Deutschland hin, der in den fünfziger Jahren einen wirtschaftlichen Neubeginn ermöglicht. Deutschlands Verpflichtungen aus dem Schuldendienst wurden durch das Londoner Abkommen 1953 auf drei Prozent der Exporterlöse reduziert – europäische Krisenländer wie Griechenland haben da heute mehr zu leisten, mahnt Fücks.

Letztlich flossen in diese Regelungen aber auch Erfahrungen aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg ein, als die Bedienung der Schulden die entstehende Demokratie der Weimarer Republik schwer belastete. Ernst Piper greift die damalige Agitation vor allem der Nazis gegen den „Schandfrieden“ in seinem Beitrag zur „Schuldfrage“ auf.  Aber 1945 stellt sich die Schuldfrage nicht noch einmal – zu eindeutig ist sie mit dem Versuch der Ausrottung ganzer ethnischer Gruppen in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern beantwortet. Gerd Hankel widmet sich der Aufarbeitung in seinem Beitrag zu den Militärgerichtshöfen in Nürnberg und Tokio.

Die Neuordnung nach 1945 bedeutet für Millionen Menschen zugleich die Vertreibung aus ihrer Heimat. Denn diesmal sollen in Europa so wenig nationale Minderheiten wie möglich verbleiben, die in späteren Jahren neue Konflikte oder gar Kriege auslösen könnten.

Der Neubeginn findet auch mit der Gründung des Staates Israel seinen Ausdruck – Ernst Piper beschreibt die Entwicklung und Hintergründe in einem Artikel. Manfred Jehle zeichnet den Weg der Länder Süd- und Südostasiens in die Unabhängigkeit nach.

Der Band erweitert den Blick, er macht die weltweiten Aus- und Nachwirkungen des 2. Weltkrieges deutlich. Und er zeigt, dass Deutschlands heutige Rolle in der Völkergemeinschaft keineswegs eine Selbstverständlichkeit  ist.

Ernst Piper, 1945:  Niederlage und Neubeginn,  gebundene Ausgabe, 23,5 x 3 x 30,2 cm,  304 Seiten, Lingen Verlag 2015, ISBN-13: 978-3945136201, EUR 24,95