Treppe zum Strand von Kloster. Foto: Ulrich Horb
Treppe zum Strand von Kloster. Foto: Ulrich Horb

Einen Moment lang aussteigen aus dem Alltag: Seit mehr als 120 Jahren suchen und finden erholungsbedürftige Großstädter auf der Ostseeinsel Hiddensee Ruhe,  Entspannung und Natur. Künstlerinnen und Künstler haben auf der Insel neue Anregungen bekommen, zur Zeit der DDR fanden vor allem jüngere Inselbesucher auf Hiddensee ihr kleines privates Paradies – bei gutem Wetter mit  Sicht bis Dänemark.  Die Insel hat bis heute  ihren Reiz behalten. Am Ufer wurden auch nach der deutschen Einheit keine Bettenburgen errichtet, stattdessen ruhen sich hier in Naturschutzgebieten Zugvögel auf der Durchreise aus.

Knapp tausend Einwohnerinnen und Einwohner hat Hiddensee heute. Viele leben vom Tourismus, bieten Ferienunterkünfte an, fahren mit ihren Kutschen die Urlauber zum nächsten Ort, räuchern Fisch oder arbeiten in den Restaurants. 4000 Gästebetten stehen zur Verfügung, eine Zahl, die sich über die Jahre kaum geändert hat. In sommerlichen Spitzenzeiten kommen noch bis zu 3000 Tagestouristen, die am frühen Abend, wenn die letzte Fähre geht,  die Insel wieder In Richtung Stralsund, Schaprode oder Breege auf Rügen verlassen. Sie zieht es vor allem zum Leuchtturm, zur Inselkirche oder zum Gerhard-Hauptmann-Haus, zur blauen Scheune in Vitte oder Asta Nielsens Karusel. Der Tourismus verteilt sich über die Insel, sie wirkt selbst in der Hochsaison nicht überfüllt.

1887 wurde mit dem Ausbau des Hafens von Kloster begonnen, um das Material für den Bau des Leuchtturms auf dem Dornbusch auf die Insel  zu transportieren. Von 1892 an wurde in den Sommermonaten eine regelmäßige Dampferverbindung  von Stralsund mit der „Caprivi“ eingerichtet. 1903 kamen 1000 Sommergäste nach Hiddensee, ein Jahr später schon über 1500. Zusätzlich kamen in den beiden Jahren zusammengerechnet rund 40.000 „Extrafahrer“ zu Kurzbesuchen. 1905 erschien ein erster Hiddensee-Reiseführer über „das Ostseebad der Zukunft“. Tausend Exemplare wurden gedruckt, tausend weitere 1912. Verfasst hatte ihn der Schauspieler und Dichter Alexander Ettenburg,  der „Einsiedler von Hiddensee“, ab 1895 selbst Betreiber einer Gaststätte, zunächst auf dem Dornbusch, später in Vitte.  „Hiddensee, vom blauen Meer umflossen, welcher Zauber liegt doch ausgegossen über deinen Bergen, Dünen, Schluchten, deinen Dörfern, Wiesen, schilf’gen Buchten“, schwärmte Ettenburg.

Küste von Hiddensee. Foto: Ulrich Horb
Küste von Hiddensee. Foto: Ulrich Horb

1914 erschien ein weiterer Hiddensee-Führer, verfasst von Arved Jürgensohn (1862- 1927). Zu dieser Zeit gab es auf der Insel rund 150 Schlafquartiere, darunter das 1910 von Clara Häckermann am Hafen von Kloster errichtete Hotel Hitthim.  Jürgensohn, russischer Emigrant, der  Betten in einem billig zusammengezimmerten Sommerpavillon vermietete, wollte Kloster zu einem richtigen Seebad entwickeln und bezeichnete die Insel großspurig als „Capri von Pommern“. Seine Investitionen, auch in die Inselwerbung, zahlten sich zumindest für ihn persönlich nicht aus.

Hiddensee vor dem 1. Weltkrieg

Der Verzicht auf Regeln und Konventionen machte nicht erst in der DDR-Zeit den Charme der Insel aus.  Schon vor dem 1. Weltkrieg gab es keine nach Geschlechtern getrennten Badestrände wie andernorts üblich. Und schon kurz hinter dem letzten Strandkorb gingen manche Badenden zur Empörung konservativer Strandbesucher gänzlich ohne Badekleidung ins Wasser. In den zwanziger Jahren wurde versucht, das Nacktbaden einzudämmen, allerdings ohne Erfolg.  Hiddensee wurde damals als Reiseziel auch in Nudisten-Zeitschriften angepriesen, das Gebiet am kleinen Leuchtturm am Gellen wurde besonders empfohlen, weil es etwas abseits lag.

Straßenmusikanten spielten auf, Sportangebote ergänzten das Strandleben, am Wieseneck wurde Tennis gespielt. Künstlerinnen und Künstler entdeckten die Insel, so der Maler Erich Heckel (1883–1970), Mitglied der Künstlergruppe „Die Brücke“, der 1912 Grieben  besuchte und mehr als dreißig Landschaftsbilder  von Hiddensee schuf. Ab 1912 kam auch die Malerin  Käthe Löwenthal (1878–1942) mehr als 20 Jahre lang im Sommer nach Vitte und gehörte zum Hiddensoer Künstlerinnenbund um Henni Lehmann (1862 – 1937), der die blaue Scheune in Vitte gehörte. Käthe Löwenthal  wurde 1942 von den Nazis ermordet, die von den Nazis verfolgte Henni Lehmann nahm sich das Leben.

Wiesenblumen am Weg zwischen Kloster und Vitte. Foto: Ulrich Horb
Wiesenblumen am Weg zwischen Kloster und Vitte. Foto: Ulrich Horb

Der preußische Architekt  Hermann Muthesius (1861–1927), Mitbegründer des Deutschen Werkbundes,  erwarb 1912 ein Feriendomizil in Vitte.  Käthe Kollwitz kam in den zwanziger Jahren mehrmals zu Besuch auf die Insel, von Albert Einsteins Besuchen kündet eine Gedenktafel an der Vogelwarte der Universität Greifswald in Kloster.  Der Architekt MaxTaut entwarf 1922 für einen Geschäftsmann ein Ferienhaus bei Vitte, das 1928 von der Tochter der dänischen Schauspielerin Asta Nielsen gekauft wurde.  In dem wegen der runden Form  „Karusel“ genannten Haus besuchten den Stummfilmstar im Sommer u.a. der Schauspieler Heinrich George oder der Dichter Joachim Ringelnatz.  Hans Fallada (1893–1947) arbeitete  1933 in einem Gasthof in Neuendorf an seinem Roman „Kleiner Mann – was nun?“ Der Sozialdemokrat Adolf Reichwein (1898 – 1944), als Widerstandskämpfer und Mitglied des Kreisauer Kreises 1944 verhaftet und ermordet, hatte mit seiner Frau Rosemarie Reichwein (1904–2002)in den dreißiger Jahren ein Sommerhaus auf Hiddensee.

Ende der zwanziger Jahre wurde sogar  eine Bäderfluglinie eingerichtet, die im Juli und August werktags vier Passagiere in  Kloster absetzte. 1936 wurde der Betrieb wieder eingestellt.

Gerhard Hauptmann auf Hiddensee

Seine Hochzeitsreise hatte Gerhart Hauptmann 1885 erstmals nach Hiddensee geführt. Jahre später kehrte er wieder, ins „geistigste aller deutschen Seebäder“, diesmal mit seiner neuen Lebensgefährtin und späteren Ehefrau Margarete. Ab 1926 mietete er sich im Haus Seedorn ein, das er 1929 von der Gemeinde kaufte, umbauen und erweitern ließ. Zwischen 1930 bis 1943 verlebte er mit Margarete hier mit Ausnahme des Jahres 1939 die Sommermonate. Heute ist das Haus für Besucherinnen und Besucher geöffnet, die Ausstattung des Jahres 1943 ist unverändert erhalten, auch ein Blick in den Hauptmannschen Weinkeller ist möglich.

Grab von Gerhard Hauptmann. Foto: Ulrich Horb
Grab von Gerhard Hauptmann. Foto: Ulrich Horb

Gerhard Hauptmann blieb der Insel auch nach dem Tod verbunden. Sein Grab befindet sich auf dem kleinen Friedhof an der Inselkirche in Kloster, nicht weit entfernt von der letzten Ruhestätte der Tänzerin Gret Palucca (1902–1993) und des Opernregisseurs Walter Felsenstein (1901–1975). Einem, der sich nichts sehnlicher gewünscht hatte, als auch nach dem Tod seine Ruhe auf Hiddensee zu finden, war das nicht vergönnt:  Die Urne mit der Asche von Alexander Ettenburg (1858–1919), dem Verfasser des Hiddensee-Reiseführers, ging 1919 auf dem Weg von Stralsund nach Hiddensee verloren.

Mit der NS-Zeit verschwand die Leichtigkeit, die die Insel ausgemacht hatte, auch wenn es anfänglich nur wenige aktive NSAP-Mitglieder auf Hiddensee gab. Die Besitzerin des Hauses am Meer in Kloster Irene von Sydow stellte der Berliner Hitler-Jugend den Platz für ein Zeltlager zur Verfügung.  Die 1933 gewählten Gemeinderäte wurden abgesetzt, demokratische Strukturen abgeschafft.  NSDAP-Mitglieder  zogen in die Verwaltung ein. Jüdische Intellektuelle  waren nun nicht mehr willkommen, einige emigrierten ganz, andere wurden in den kommenden Jahren verfolgt und ermordet.  Im Herbst 1938 wurden am Enddorn eine Flak-Batterie  und eine Reihe von  Bunkern errichtet. Trotz vieler Bauarbeiten, etwa zur Sicherung der Ufer, kamen bis zum Kriegsbeginn weiter Badegäste.

Der 2. Weltkrieg hinterließ auf Hiddensee kaum Zerstörungen. In den letzten Kriegstagen suchten noch einmal zwischen 5000 und 6000 Flüchtlinge Schutz auf Hiddensee, ehe sowjetische Truppen die Insel besetzten. Eine neue Verwaltung kam ins Amt, eine Bodenreform wurde durchgesetzt, die fast zur Abholzung des Dornbuschwaldes geführt hätte.  Im April 1946 wurde die Schiffsverbindung nach Stralsund wieder aufgenommen.

Hiddensee in der DDR-Zeit

Die SED hatte auf Hiddensee einen schweren Stand, die Mitgliederzahlen gingen von 135 im Jahr 1946 auf 48 in den sechziger Jahren zurück. Tourismus organisierte nun der Gewerkschaftsbund FDGB, dem gesetzlich geregelt 90 Prozent der vorhandenen Ferienplätze eines Ortes zur Verfügung zu stellen waren.

Die Hiddenseer Hotels waren zu Beginn der fünfziger Jahre fast durchgängig noch privat geführt.  Mit einer Verhaftungswelle ging die DDR  im Frühjahr 1953 in den Badeorten der  Ostsee gegen die privaten Eigentümer von Hotels und Pensionen vor, warf ihnen Wirtschaftsvergehen vor und betrieb so die Enteignung. Hiddensee blieb davon zwar zunächst verschont, aber die Verunsicherung war für viele unerträglich. Die Inhaber des „Hotels zur Ostsee“ in Vitte, der Pächter des Hitthim in Kloster, die Betreiber des „Strandhotels“ und des „Deutschen Hauses“ in Vitte setzten sich in den Westen ab, der FDGB übernahm die Häuser. Die Besitzer der „Heiderose“ in Neuendorf, ein Brüderpaar, das 1951 aus der SED ausgetreten war, wurden verhaftet, ihr Hotel von sowjetischen  Soldaten requiriert. 1955 bekamen sie das Haus mit einer Entschädigung zurück, 1974 verkauften sie es an ein Suhler Kombinat. Schlechter erging es dem Pächter des „Haus am Hügel“, der anderthalb Jahre ins Zuchthaus kam und anschließend als Hausdiener an seiner alten Wirkungsstätte arbeiten sollte.

Telefonzelle aus DDR-Zeiten. Foto: Ulrich Horb
Telefonzelle aus DDR-Zeiten. Foto: Ulrich Horb

Auch DDR-Prominenz fand Gefallen an Hiddensee. Karl-Eduard von Schnitzler, später umstrittener  Kommentator des „Schwarzen Kanals“ im DDR-Fernsehen, heiratete 1953 auf der Insel die Schauspielerin Inge Keller. Für die Nationalpreisträgerin wurde in den siebziger Jahren trotz offiziellen Baustopps für Ferienhäuser mit billigem Staatskredit eine Sommerresidenz  auf Hiddensee errichtet, die Inge Keller allerdings eher zurückhaltend nutzte. Im August 1961 wurde auch für die Tänzerin Gret Palucca ein Sommerhaus genehmigt. Auf Hiddensee trafen sich Mitglieder der Akademie der Wissenschaften, der Schauspieler und Interpret von Hanns-Eisler- Liedern Ernst Busch, der Gründer und Intendant der Komischen Oper Walter Felsenstein. Das ZK der SED hatte ein komfortables Ferienhaus auf der Insel, das „Haus am Hügel“ am Hügelweg 8.

Hiddensee wurde zur  Sehnsuchtsinsel. Die Ferienplätze wurden über die Betriebe, denen die Unterkünfte gehörten, oder über den FDGB zugeteilt.  Interessen spielten dabei eine eher untergeordnete Rolle. Denn nicht alle dieser Urlauber schätzten die Ruhe der Insel, die als abendliche Unterhaltung nur ein paar rauchige Fischerkneipen und gerade noch ein Zeltkino in Vitte zu bieten hatte. Wer sich jedoch zu auffällig  um eine Unterkunft auf Hiddensee bemühte, bekam sie meist nicht.

Strand von Hiddensee. Foto: Ulrich Horb
Strand von Hiddensee. Foto: Ulrich Horb

Dabei wurde das Platzangebot sogar ausgebaut. Schon 1958 hatte das Suhler Jagdwaffenkombinat Ernst Thälmann in der Heide acht Ferienhäuser gebaut. In den siebziger Jahren entstand nahe der „Heiderose“ ein weiteres Urlauberdorf, die Stralsunder Werft baute in Vitte am Süderende. Selbst Bauarbeiterquartiere, entstanden bei einer erfolglosen Erdölbohrung am Enddorn, wurden als Urlauberquartiere umgewidmet.  Probleme entstanden dabei vor allem bei der Ver- und Entsorgung, die Kapazitäten der Gaststätten reichten nicht mehr.

Die wenigen privaten Quartiere waren begehrt und oft auf Jahre ausgebucht. Die Hiddenseer machte das erfinderisch. Im Sommer wurde nahezu jedes Bett vermietet. Der damalige Bürgermeister klagte über Anträge zum Ausbau von Schafställen, an denen dann ein Jahr später Gardinen hingen. Staatliche Kontrollen sollten den  Zustrom eindämmen, aber nun besuchten eben Verwandte und Freunde die Hiddenseer. Bevorzugt wurden dabei Urlaubsgäste, die Baumaterialien oder andere Naturalien organisieren konnten. Wer keine Unterkunft vorweisen konnte, musste eigentlich am Abend die Insel verlassen. So waren selbst Plätze in Scheunen begehrt.

Ankunft der Fähre in Neuendorf. Foto: Ulrich Horb
Ankunft der Fähre in Neuendorf. Foto: Ulrich Horb

Die Staatsmacht war stets sichtbar vertreten. Grenzpolizisten sperrten im Süden Teile des Inselstrands für Besucher – nahe einer Fahrrinne, auf der skandinavische Schiffe verkehrten. Gute Schwimmer wurden misstrauisch beobachtet, abends wurden Strände und Strandkörbe auf verdächtige Personen abgesucht. Schätzungen gehen zwischen 1961 und 1989 von rund 5000 versuchten Republikfluchten  von Hiddensee aus, vielleicht tausend gelangen, 174 endeten  tödlich, die restlichen in den Patrouillenbooten der NVA.

Dennoch  entstand auf der Insel ein Gefühl der Freiheit, weil man sich bis auf wenige Stasi-Zuträger, unter Gleichgesinnten fühlte. Lutz Seiler hat in seinem 2014 erschienenen Buch „Kruso“ diese Atmosphäre eingefangen und das Milieu der Aussteiger beschrieben, die sich im Sommer mit Gelegenheitsjobs in Gaststätten – wie dem „Klausner“ in „Kruso“ – und Ferienunterkünften den Lebensunterhalt verdienten. Nebenbei dichteten die Saisonkräfte, kurz: „Esskaas“,  und spielten Gitarre, lasen  Zeitschriften und Bücher aus dem Westen. Sie wünschten sich Veränderung und waren doch im Sommer 1989 überrascht, als sie kam.

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