Nanking-Oper: Der Ölverkäufer. Foto: Ulrich Horb
Nanking-Oper: Der Ölverkäufer. Foto: Ulrich Horb

Der Eingang liegt hinter einer hohen grauen Mauer verborgen, das Theater selbst ist ein schmuckloses altes Gebäude, düster und mit harter Holzbestuhlung im Inneren. Den Zuschauern sind solcherlei Äußerlichkeiten egal – die „Nanking-Oper“ ist allabendlich ausverkauft, das traditionelle chinesische Theater braucht sich um sein Publikum noch keine Sorgen zu machen.

Nanking, die alte Südhauptstadt, die acht chinesischen Kaiserdynastien als Residenz diente, liegt knapp tausend Kilometer südlich von Peking. Und auf der Bühne der „Nanking-Oper“ lebt auch ein Stück Vergangenheit auf, wenn die Schauspieler in ihren traditionellen, prachtvoll-bunten Seidengewändern auftreten. Und kunstvoll sind auch die Gesichtsmasken und Frisuren, Mimik und Bewegungen auf der Bühne.

Es sind Volksstücke, die hier gespielt werden. Erzählt wird beispielsweise die Geschichte des armen Ölverkäufers, der sich in ein junges, hübsches Mädchen verliebt. Aber dieses Mädchen ist in seiner Kindheit dem Vater entführt worden, jetzt ist es in der Obhut einer älteren Frau, die Böses mit ihm vorhat: Das Mädchen soll verkuppelt werden. Aber es bleibt tugendhaft, findet zurück zu seinem Vater und heiratet den Ölverkäufer.

Ein solches Stück hätte es während des „zehnjährigen Chaos“, wie die Kulturrevolution heute abschätzig genannt wird, nicht gegeben. Aber das revolutionäre Pathos, das zehn Jahre lang die Kunst bestimmte, ist heute wieder verschwunden. Die Unterhaltung hat ihren Platz zurückgewonnen, ältere Stücke werden wieder aufgeführt, Autoren, Regisseure und Schauspieler können wieder etwas freier arbeiten. Die Partei sucht ihren Einfluss durch Appelle an die Künstler zu behaupten, Kampagnen, die das ganze Land erfassen, sollen dafür sorgen, dass sich „westliche Dekadenz“ oder „schädliche Moralauffassungen“ gar nicht erst ausbreiten können.

Nanking-Oper. Foto: Ulrich Horb
Nanking-Oper. Foto: Ulrich Horb

Es sind vor allem Ältere, die in die Vorstellungen der Nanking-Oper kommen. Die meisten von ihnen sind noch in karges Blau gekleidet, man putzt sich nicht heraus für einen Theaterbesuch, und es sind wohl auch nicht die reichsten, die an diesem Abend, eine Tüte Nüsse im Schoß- das Geschehen auf der Bühne mit unverhohlener Begeisterung und Spannung verfolgen.

Links und rechts der Bühne werden die Texte auf eine Leinwand projiziert. Für viele sind die Schriftzeichen die einzige Möglichkeit, das Geschehen auf der Bühne zu verstehen. Denn während die Schriftzeichen im ganzen Land einheitlich sind, ist ihre Aussprache von Provinz zu Provinz verschieden. Den Nankinger Dialekt versteht ein Besucher aus Peking kaum noch, zumal wenn er von Schauspielern in ungewohnter Betonung vorgetragen wird

Die Texte werden deklamiert, Handlungen sind eingerahmt von kurzen Musikpassagen. Auch die Männerrollen werden von Frauen gespielt. Verwirrung stellt sich dabei nur beim ausländischen Gast ein: Das chinesische Publikum kann solche Unterschiede anhand der Kleidung leicht erkennen. Charaktermasken, wie sie die Peking-Oper verwendet, kommen allerdings nicht vor, ebenso wenig wie artistische Tanzeinlagen. Die sind Auftritten der Peking-Oper im Ausland vorbehalten. Dort wagt man nicht, mit einem reinen Sprechtheater, das kaum jemand versteht, aufzutreten. So wird das Bild optisch aufgelockert.

Nanking-Oper. Foto: Ulrich Horb
Nanking-Oper. Foto: Ulrich Horb

Für die chinesischen Zuschauer der Nanking-Oper bedarf es einer solchen Auflockerung nicht. Das moralisierende Liebesdrama vom Ölverkäufer ist über weite Strecken auch ein Lustspiel. Und während das Stück sich seinem unweigerlichen Happy-End nähert, springen immer mehr Zuschauer von ihren Sitzen auf, drängen nach vorne an den Rand der Bühne, um die Schauspieler endlich aus der Nähe zu sehen. Aber schon während diese sich noch oben beim Schlussapplaus verbeugen, beginnt das Gedränge zum Ausgang. Es ist kurz vor zehn Uhr abends, man muss sich beeilen, um nach Hause zu kommen. Am nächsten Morgen beginnt wieder früh der Arbeitstag.

 

 

(c) Ulrich Horb. Der Beitrag ist im November 1983 entstanden

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