Kindergruppe. Foto: Ulrich Horb
Kindergruppe. Foto: Ulrich Horb

Kinder und Jugendliche haben 1983 in der Volksrepublik China einen harten Alltag. In der Schule und in den Pionierorganisationen sollen sie Höchstleistungen vollbringen, in freiwilligen Arbeiten sollen sie „dem Volke dienen“. Mit harter Auslese wird für die Entstehung einer neuen geistig-technischen Elite gesorgt.

Rund fünfzig Kinder sitzen in einer Grundschulklasse still und diszipliniert auf ihren Stühlen. Im Chor lesen sie eine Geschichte aus ihrem Lesebuch, auf einen Wink der Lehrerin schweigen sie, blicken allesamt gleichzeitig von ihren Büchern hoch, ein einzelner Schüler wird aufgerufen, trägt einen Text vor. Kein einziger in der Klasse wirkt unkonzentriert. Sie alle wissen, so darf man vermuten, um die Wichtigkeit des Lernens für den weiteren Aufbau der Volksrepublik.

Übungen im Jugendpalast. Foto: Ulrich Horb
Übungen im Jugendpalast. Foto: Ulrich Horb

Was sich 1983 im Ausbildungssektor in China abspielt, ist die vollständige Umkehrung von Prinzipien, wie sie in der Zeit der Kulturrevolution gegolten haben. Damals, im „zehnjährigen Chaos“, wie die offizielle Umschreibung lautet, galt Wissensanhäufung als Zeichen bürgerlichen Verhaltens, nahezu eine ganze Generation wuchs ohne ausreichende Qualifikation auf. Für Deng Xiaoping und Generalsekretär Hu Yaobang und ihre ehrgeizigen Wirtschaftspläne ist das ein schweres Erbe. Denn sie müssen nicht nur Arbeitsplätze für die Kinder der Kulturrevolution organisieren, sondern auch die Bildung nachholen. Und gleichzeitig werden die inzwischen in die Schulen hineinwachsenden Kinder mit unglaublichem Leistungsdruck zu Höchstleistungen angespornt, um das Versäumte nachzuholen.

Die Wissensvermittlung erfolgt dabei im Wesentlichen über das Auswendiglernen von Daten und Fakten. Daneben wird großer Wert auf die politische Erziehung gelegt. Frau Sun Jün, Leiterin der Konfuzius-Tempel-Grundschule in Nanking: „Wir verbinden den Patriotismus sehr eng mit dem kommunistischen Geist.“ Morgens ziehen die Kleinsten erst einmal die Staatsflagge auf.

Sportübungen. Foto: Ulrich Horb
Sportübungen. Foto: Ulrich Horb

Alle Kinder sind zugleich Mitglieder der Pionierorganisation. Über die Pioniere werden regelmäßig Aktionen organisiert, etwa das Säubern von Straßen und Plätzen. In ihrer Freizeit übernehmen Pioniere Besorgungen für ältere Menschen in der Nachbarschaft. Im Monat März, dem „Monat für Zivilisation und Höflichkeit“, werden solche Tugenden kampagnenmäßig im gesamten Land propagiert.

Regelmäßig werden die Kinder und Jugendlichen auf die fünf Tugenden und vier Schönheiten hingewiesen. Zu den Tugenden gehören gute Manieren, gutes Betragen, Moral, Ordnung, Hygiene und Sauberkeit. Die Schönheiten sind die der Gedanken, der Redensweise, des Verhaltens, der Seele. Erfolgreiche Schulabschlüsse bedeuten stets auch die Einhaltung dieser Vorschriften.

Nach sechsjähriger Grundschule erfolgt der Übergang auf eine Mittelschule. Dabei bieten nur die „Schwerpunktschulen“ mit überdurchschnittlich guten Lernbedingungen eine Voraussetzung für den erfolgreichen Schulabschluss. Der Mangel an Studienplätzen ist mindestens ebenso groß wie der Mangel an qualifizierten Fachkräften. Aber ohne ausreichendes Angebot an Universitäten entscheiden strenge Aufnahmeprüfungen über die Zulassung der Studenten. Vier von fünf Bewerbern scheitern daran. An den landesweit einheitlichen Prüfungen nehmen in der Regel auch Vertreter der Universitäten teil, die so bei der Aufnahme von Studenten mitentscheiden können.

Schulspeisung. Foto: Ulrich Horb
Schulspeisung. Foto: Ulrich Horb

Von Schülern und Studenten wird ein weitgehendes Selbststudium verlangt, erst recht aber von jenen, die in der Zeit der Kulturrevolution keine Ausbildung bekamen. Breiten Raum nimmt die Fortbildung in Rundfunk und Fernsehen ein, regelmäßig jeden Nachmittag läuft ein Schulfernsehprogramm, das mit einfachen Mitteln Wissen vermittelt. Häufig wird schlichtweg eine Lehrkraft abgefilmt, die mit Hilfe von Zeigestock und Kreide an einer Tafel Differentialrechnung oder Englisch-Vokabeln erklärt. Für jene Selbststudenten, die keine Schule besuchen, besteht dennoch die Möglichkeit, an den Abschlussprüfungen der Universitäten teilzunehmen. Regelmäßig werden auch Veranstaltungen außerhalb der Universitäten organisiert, auf denen sie Fragen an die Professoren richten können.

Am Nachmittag gibt es – auch für Grundschüler – organisierte Freizeit- und Lernangebote. In den Kinderpalästen finden Tanz- und Kulturveranstaltungen statt, Vorführungen von Kindern für Kinder. Einmal im Monat steht der Palast einer bestimmten Schule zur Verfügung, die dann die Freizeitmöglichkeiten an den elektronischen Spielgeräten und Kickerautomaten nutzen können, die Musik- und Sportangebote. Daneben gibt es für ausgewählte Schüler Förderung in verschiedenen Interessengebieten. Unter Anleitung von Lehrern üben die Kinder chinesische Schriftzeichen, ganz rollengerecht sticken und nähen die Mädchen, die Jungen versuchen sich im Bau elektronischer Geräte oder von Modellschiffen, für die ein meterlanges Wasserversuchsbecken zur Verfügung steht. Schon dabei scheint aber eher die Präzision der Arbeit im Vordergrund zu stehen als spielerisches Entdecken.

Im Jugendpalast findet das seine Fortsetzung. Auch hier gibt es die Gruppenangebote, Kurse für Fotografie Im Selbststudium befindliche Gruppen organisieren sich ein eigenes Vorlesungsprogramm. An den Freizeitangeboten im Shanghaier Jugendpalast nehmen zum Beispiel allabendlich mehr als zehntausend Besucherinnen und Besucher teil, in großen Sälen wird ihnen Akrobatik oder chinesisches Theater geboten, werden sie mit chinesischer Kultur vertraut gemacht.

Kinderchor. Foto: Ulrich Horb
Kinderchor. Foto: Ulrich Horb

Fleiss und Eifer beim Lernen wird Kindern und Jugendlichen in regelmäßigen Kampagnen nahegebracht. Es sind die Vorbilder, der junge Lei Feng etwa oder die behinderte Studentin Zhang Haidi. Plakate mit Porträts der beiden oder dem Slogan „Wir lernen von Lei Feng“ finden sich in den Kinder- und Jugendpalästen, in Schulen und Hochschulen.

Zwar ist ein großer Teil der Jugendarbeitslosigkeit Anfang der achtziger Jahre abgebaut worden, aber immer noch muss der, der nicht lernt, sich nicht an den Kampagnen beteiligt, damit rechnen, keine Arbeit zu finden. Und selbst in der gut organisierten Volksrepublik gibt es Bettler, gibt es Jugendliche „am Rande der Gesellschaft“.

Eine besondere Förderung der Arbeiter- und Bauernkinder kann und will sich die Volksrepublik wohl nicht mehr leisten – in der durchaus gut gemeinten Absicht, mit Hilfe der jetzt herangezogenen Elite die Voraussetzungen für allgemeinen Wohlstand schaffen zu können. Für die Elite selbst ist der Aufstieg harte Arbeit. Der Tagesablauf der Studenten beginnt um sechs Uhr mit dem Wecken und Frühsport. Alle Studenten wohnen in Wohnheimen auf dem Universitätsgelände. Nach dem Sport – körperliche Ertüchtigung ist wesentlicher Punkt des Studiums – wird im Selbststudium an einem Fach, etwa der Fremdsprache, gearbeitet. Das Studium selbst ist schulähnlich. Unterrichtet wird in Klassen, vormittags meist vier, nachmittags zwei Stunden. Die Freizeit am späten Nachmittag gilt in erster Linie der körperlichen Ertüchtigung oder den von der Studentenschaft organisierten Arbeiten, um „dem Volke zu dienen“. Wer das Studium erfolgreich absolviert hat, geht in der Regel zurück in seine Heimatbrigade, um dort entsprechend seiner Qualifikation Arbeiten zu übernehmen

Das harte Studium dürfte sich für die meisten rentieren. Hohe Löhne erwarten sie, die Mitwirkung an der großen Modernisierungskampagne dürfte ihnen nicht geringen Einfluss auf die künftige Entwicklung des Landes und der Regionen verschaffen. Für Deng Xiaoping dürften die vielen neuen Pragmatiker willkommene Unterstützung sein, auch in der Partei.

Galerie: Fotos aus China