Biarritz. Foto: Ulrich Horb
Biarritz. Foto: Ulrich Horb

Sonntagvormittag in Biarritz. La grande plage, der große Strand, füllt sich. Stelldichein der Sonnenschirme und knappen Bikinis, der Badetaschen und Strandtücher. Am Rand des Sandstrandes stehen zwei Reihen mit kleinen, orientalisch anmutenden Zelten, geradeso wie zur Zeit der Jahrhundertwende. Ein eigenwilliger Gegensatz auch zur Strandmode von heute.

Biarritz gehört zu den ältesten Badeorten an der französischen Atlantikküste. Eugenie de Montijo, die spätere Gattin Napoleons III., hat hier schon als Jugendliche ihren Badeurlaub verbracht. Als Kaiserin kehrte sie 1854 zurück. Sie ließ sich eine Sommerresidenz, die Villa Eugenie, bauen und Biarritz wurde zum Treffpunkt der Prinzen und Prinzessinnen, der Königinnen und Könige, der Botschafter aus aller Welt, der Politiker. Entsprechend wurde der kleine Fischerort umgestaltet. Promenaden wurden entlang des Strandes angelegt, große Hotels entstanden, Badeanstalten, die großen Kasinos.

Auf den Felsen oberhalb des Sandstrandes wurden prachtvolle Villen gebaut, verziert und verschnörkelt, mit Türmchen, viele noch heute erhalten, einige, wie die Villa Belza, langsam dem Verfall preisgegeben, weil sich kein Käufer für sie mehr findet. Etliche umgebaut in Hotels oder in kleine Appartementhäuser.

Auch wenn Frankreich nach dem verlorenen Krieg von 1870/71 vom Kaiserreich zur Republik zurückkehrte – Biarritz blieb der Treffpunkt der europäischen Monarchen. Am Grande Plage traf sich die feine Welt, von der englischen Königin Viktoria über Schwedens Oskar bis zu Leopold von Belgien, im Hotel du Palais, direkt oberhalb des Strandes von Miramar erbaut, wohnten Adlige, Spieler, Bankier s und Geschäftsleute.

Damals wie heute verfügt das riesige, mit großen, schmiedeeisernen Gittern umgebene Luxushotel über einen eigenen Swimmingpool, von der Bar aus geht der Blick über die Wellen des Atlantik und die der Küste vorgelagerten Felsen. Ein Drink kostet zehn, fünfzehn Mark , das abendliche kalte Buffet im Hotel du Palais 255 Frank , umgerechnet knapp 80 Mark.

Biarritz, Kirche Sainte-Eugénie. Foto: Ulrich Horb
Biarritz, Kirche Sainte-Eugénie. Foto: Ulrich Horb

Biarritz pflegt noch heute seinen Ruf, einer der mondänsten Badeorte zu sein, auch wenn der Jet-Set sich zwischenzeitlich eher dem Mittelmeer zugewandt hatte, Ibiza oder Saint Trapez entdeckt wurden. Dagegen wirkt Biarritz tatsächlich wie ein Relikt, wie eine vergessene Filmkulisse. Da ist das Casino Municipal, an der Strandpromenade gelegen, Zentrum des Grande Plage. Ihm merkt man deutlich an, dass es bessere Tage erlebt hat. 1901 gebaut, 1929 umgebaut, so dass nur die Außenmauern stehenblieben, wird es heute im oberen Geschoß von einer Bowlingbahn, parterre von einer Konditorei und einer Pizzeria genutzt, die ihre Stühle unter den Arkaden aufgebaut haben . Der große Saal im Inneren ist Abstellraum. Am Abend spielen fünf jugendliche Musiker, das Grand- Plage-Orchester, auf einer zurecht gezimmerten Bühne unter den Arkaden. Nein, eine Karte gebe es nicht, antwortet der Ober der Pizzeria mit dem gegelten Haar, serviert dann das bestellte Bier und kalt lächelnd die Rechnung: 13 Mark umgerechnet pro Glas, zuzüglich 15 Prozent Bedienung.

Tagsüber, wenn sich die Badenden in die Atlantikwellen stürzen oder auf ihren Handtüchern und Luftmatratzen sonnen, ertönt Musik aus den Lautsprechern entlang der Strandpromenade, poppiges von heute wie Michael Jacksons letzter Hit, schwüles von gestern wie Je t’aime von Jane Birkin. Busse fahren die schmale Straße an der Küste entlang, entlassen Reisegruppen für einen Tag Biarritz. Über die Brücke marschieren sie auf die dem Strand vorgelagerten Felsen, die den Blick auf die baskische Küste erlauben oder – auf der anderen Seite – zum Leuchtturm. Eine Jungfrau aus weißem Stein reckt sich kühn von einem der Felsen dem Atlantik entgegen.

Vom Gewirr der Felsenwege geht es dann hinunter zum Fischerhafen mit seinen kleinen Fischrestaurants und den beiden Becken mit Booten , die bei Ebbe auf Grund liegen. Sonnabends und sonntags werden die Felsen am Abend von unzähligen Scheinwerfern beleuchtet, wochentags blinkt nur das Licht des Leuchtturms in 243 Stufen Höhe. Jugendliche treffen sich am Strand, ihre Eltern promenieren den Weg zwischen Hotel du Palais und Casino Bellevue entlang.

Der Playboy-Club bietet ein wenig Nachtleben , in den Einkaufsstraßen konzentriert sich alles auf die Bars und Straßencafés, im Vorbeigehen wird ein Blick in die Auslagen der Boutiquen oder des Kaufhauses Nouvelles Galeries geworfen. Oder in die Schaufenster des noblen Orient-Importeurs, der Kunst und Antiquitäten aus den Ländern zwischen Ägypten und China bietet und dessen Laden auch heute noch geheimnisvoll und luxuriös wie vor hundert Jahren anmutet.

Zwischen die alten Prachtbauten hat sich moderne Architektur gemengt, unpassend und aufdringlich mitunter. Aber der Glanz früherer Tage ist wohl ohnehin vorbei, auch wenn man seinen Spuren noch überall begegnet.

Der Beitrag wurde 1988 für verschiedene Tageszeitungen verfasst. Erschienen u.a. im Volksblatt Berlin, 28.8.1988