Alter Hafen von Antalya. Foto: Ulrich Horb
Alter Hafen von Antalya. Foto: Ulrich Horb

,Es müssten viel mehr Touristen kommen“, meint der 16jährige Kemal, „wovon sollen wir denn sonst leben?“ Kemal, der alle paar Tage einen Bus von Touristen von Antalya an die Ausgrabungsstätten von Side und Aspendos führt, gehört damit schon zu· den Privilegierten. Er hat Arbeit, und seine – fast – perfekten Deutschkenntnisse lassen ihn monatlich immerhin 10.000 Lira, umgerechnet 150 Mark, verdienen. Für ihn allein ist das viel Geld, denn mancher Familienvater verdient nicht einmal das Doppelte.

Antalya, an der türkischen Mittelmeerküste gelegen, ist neben der Schwarzmeerküste und den antiken Stätten um Troja und Ephesus noch eine der Hochburgen des Tourismus. Aber es sind nur wenige ausländische Reisende, die hier Devisen lassen. Die Urlauber an Antalyas Stränden stammen eher aus Ankara und den Städten im Landesinneren der Türkei.

Für sie zählt Antalya eindeutig zu den schönsten Städten ihres Landes und sie denken dabei vor allem an die Neubauviertel und die palmenbestandenen Parkanlagen. Auch in den Werbeprospekten der Stadt werden die ewig gleich aussehenden Wohnblocks, die im Stil ein wenig an den sozialen Wohnungsbau der fünfziger Jahre erinnern, als Glanzpunkte gepriesen: „Die großen, neuen Wohnhäuser inmitten der duftenden Rosengärten wirken nicht wie aufeinandergelegte Steine, vielmehr sind sie Vertreter der neuzeitlichen Architektur.“ Auch für Touristen zählt Antalya zu den schönsten Städten der Türkei, nur denken sie eher an den romantischen Hafen, den kleinen Basar und die verwinkelten Altstadtgassen.

Altstadt von Antalya. Foto: Ulrich Horb
Altstadt von Antalya. Foto: Ulrich Horb

Die Widersprüche sind denn auch in der Tat unübersehbar. In der Altstadt, wo die zerfallenen Häuser noch der traditionellen Großfamilie Platz bieten, hat sich auch noch so etwas wie orientalische Beschaulichkeit erhalten. Hier finden sich neben alten Moscheen noch Reste einer viel älteren Kultur, etwa das Hadrians-Tor, das als Teil der Stadtmauer im Jahre 130 n. Chr. Errichtet wurde. Und auch die Auseinandersetzung der Kulturen wird hier anschaulich am Beispiel des Kesik Minare, des „gestutzten Minaretts“, das ursprünglich als Teil einer christlichen Kirche im 5. Jahrhundert errichtet wurde und erst später in eine Moschee umgewandelt wurde.

Außerhalb dieses Altstadtviertels herrscht reger Autoverkehr. Vor allem Linienbusse und Gemeinschaftstaxis bestimmen das Bild neben den Lastwagen, die mit Melonen oder Tomaten beladen zu den Märkten fahren. Hier, an den großen Hauptstraßen, begegnet man Bettlern, die unaufdringlich in einer Toreinfahrt sitzen, Kindern, die Karren mit Gebäck vor sich herschieben und zum Kauf anbieten. In den Teegärten treffen sich die Männer. Den ganzen Tag über sitzen viele hier, die keine Arbeit finden und nun von der Unterstützung eines Sohnes, Bruders oder Onkels leben.

Kinder am alten Hafen von Antalya 1982. Foto: Ulrich Horb
Kinder am alten Hafen von Antalya 1982. Foto: Ulrich Horb

Auch wenn nach deutschen Vorstellungen gar kein Geld da ist – Gäste werden dennoch aufopfernd bewirtet. Und der ständigen Hilfsbereitschaft begegnen natürlich auch die Touristen. Auf der Straße werden sie angesprochen, gefragt, wie ihnen die Türkei gefalle, ob man Schwierigkeiten habe. Nur in Ausnahmefällen steht die Absicht dahinter, als Dolmetscher oder Fremdenführer davon zu profitieren. Eher schüchtern wird denn auch die Frage gestellt, ob man zu denen gehöre, die die Türken aus Deutschland abschieben wollen. Es ist ein vieldiskutiertes Thema in der Türkei, wie Türken in Deutschland behandelt werden. Aber die Rücksichtnahme auf den Gast verbietet es, allzu eindringlich nachzufragen. Stattdessen wird dann lieber ein Glas Tee angeboten.

Sonnenuntergang am Fels von Antalya. Foto: Ulrich Horb
Sonnenuntergang am Fels von Antalya. Foto: Ulrich Horb

Freitagnachmittags wird eine Fahrbahn der Hauptstraße gesperrt, und ein Trupp Soldaten zieht unter Paukenschlägen die Straße entlang, kehrt 5 Minuten später zurück und rückt dann wieder in die Kaserne ein. Einzelne Militärposten in der Stadt erinnern daran, dass es derzeit keine demokratische Regierung gibt. Sie sind nicht auffällig, denn Antalya zählt zu den Tourismusgebieten, wo der Ausnahmezustand früher als anderswo aufgehoben wurde.

Die heutige Provinzhauptstadt hat eine lange Geschichte. Im 2. Jahrhundert vor Christus wurde sie als Attaleia vom pergamenischen König Attalos II. gegründet, war dann Hauptstadt Pamphyliens. Hier ging der Apostel Paulus auf seiner ersten Missionsreise an Land. Byzantiner, Kreuzritter und Seldschuken beherrschten Antalya.

Feriengebiet aber wurde die Stadt nicht wegen ihrer Geschichte. Da sind die umliegenden Städte Perge, Aspendos und Side älter und bedeutender. Zu Antalya gehören die kilometerlangen Strände von Lara und Konyalti. Während das Stadtzentrum selbst auf einem Felsenplateau liegt, dort nur beschränkte Bademöglichkeiten bestehen, ist Konyalti ein Kieselstrand, Lara ein Sandstrand. Selbst im Oktober liegt die durchschnittliche Meerestemperatur noch über 24 Grad.

Außerhalb von Antalya sind, nahezu den gesamten Strand entlang, Ferienhäuser und Motels. Aber schon auf der anderen Seite der Straße sind Felder und kleine Dörfer, deren Bewohner sich wohl niemals eine Nacht im piekfeinen Lara-Hotel werden leisten können.

„Wir brauchen den Tourismus, um hier Arbeit zu schaffen“, sagt Kemal, der Fremdenführer. Mit dem Tourismus werden sich allerdings auch die Preise erhöhen, wird sich die Gastfreundschaft verlieren müssen. Ein hoher Preis.

(Der Artikel entstand 1982 für verschiedene Tageszeitungen, veröffentlicht u.a. im Spandauer Volksblatt, 5. September 1982)