Getreide. Foto: Ulrich Horb
Getreideernte. Foto: Ulrich Horb

Ehrgeizige Pläne hat die Pekinger Parteiführung 1983: Bis zum Jahr 2000 soll sich die Produktion der Volksrepublik China vervierfacht haben. Ein Ziel, das auch für die Landwirtschaft gilt. Und so hat nun auch für Maos Volkskommunen eine neue Ära begonnen: Die Privatwirtschaft kehrt zurück.

Xia Longxing kann stolz sein. Seit er vor fünf Jahren mit der Verwaltung der Volkskommune Ma Qiao betraut wurde,überstürzen sich die Erfolgsmeldungen geradezu. Die Erträge steigen, das Einkommen der Bauern hat sich verdoppelt. „Die Partei“, sagt Xia Longxing, „hat uns auf den richtigen Weg geführt.“

Ma Qiao liegt rund 100 Kilometer südwestlich von Shanghai, dem volkswirtschaftlichen Herz der Volksrepublik. Rund ein Achtel der gesamten Jahresproduktion Chinas kommt aus dem Gebiet um Shanghai. Und die rund 12 Millionen Einwohner der Stadt Shanghai fahren nicht schlecht damit. Das Einkommen der Region ist – selbst in der Landwirtschaft – höher als sonst irgendwo.

Baumwolle. Foto: Ulrich Horb
Baumwollernte. Foto: Ulrich Horb

204 Volkskommunen liegen im weiteren Umkreis Shanghais. Die Stadt selbst wird von den angrenzenden Volkskommunen mit Gemüse und Reis versorgt, Waren, die es nicht nur in den staatlichen Läden gibt. Denn immer mehr Bauern bieten ihre Ernte direkt auf den Märkten an. „Seit 1979 steigt das Lebensniveau“, sagt Xia Longxing. Der Sturz der „Viererbande“ – darunter auch der damalige Bürgermeister Shanghais – hat auch das System der Volkskommunen umgekrempelt. Das Zauberwort heißt „Nebeneinkünfte“. Seit 1979 hat nämlich jeder Bauer wieder ein kleines Feld zur privaten Bewirtschaftung überlassen bekommen. In Ma Qiao sind das 60 Quadratmeter pro Kopf. „Vor fünf Jahren“, so erläutert es Xiao Longxing, „lagen die Einkünfte pro Kopf der Volkskommune bei 275 Yuan. Heute beträgt der Ertrag der privaten Felder schon 250 Yuan.“

In den zehn Jahren der Kulturrevolution wäre das undenkbar gewesen. In dieser Zeit, von der 1983 nur noch als dem „zehnjährigen Chaos“ gesprochen wird, galten die privaten Felder als Überbleibsel bürgerlichen Denkens, als Kapitalismus. Inzwischen sind die Privatparzellen sogar wieder gesetzlich abgesichert. Die Bauern danken es den neuen Führern der Partei mit immer höheren Ernteerträgen auf den winzigen Feldern.“Die neue Politik“, sagt Xiao Longxing diplomatisch, „hat die Aktivitäten der Bauern vergrößert. Deshalb ist es zu schnellen Verbesserungen in der Versorgung mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen gekommen.“

Landwirtschaft ist Handarbeit. Foto: Ulrich Horb
Landwirtschaft ist Handarbeit. Foto: Ulrich Horb

Vier Fünftel der Chinesen leben von der Landwirtschaft. Die Volksrepublik ist Agrarland, das war immer so. Und Landwirtschaft, das ist auch heute noch vor allem der Einsatz menschlicher Arbeitskraft. Für Traktoren auf den Feldern wäre nicht genug Treibstoff da. Gepflügt wird mit Zugtieren, geerntet durch den Einsatz aller. Der Wind trennt noch die Spreu vom Weizen, und die Frauen sitzen im Kreis um die Baumwollzweige, wenn sie die Knospen pflücken.

Mit der Einführung der Volkskommunen in den fünfziger Jahren wollten Maozedong und seine Anhänger den Grundstein einer kommunistischen Gesellschaft legen. Ende 1958 waren 99 Prozent der Landbevölkerung in Volkskommunen erfasst, waren die Produktionsmittel Gemeinschaftseigentum. Erziehung fand nun nicht mehr in der Einzelfamilie statt, das Essen wurde im Gemeinschaftsraum eingenommen. Aber der „große Sprung nach vorn“ gelang damals nicht. Die Planung war zu überstürzt, der Widerstand unter den Bauern gegen solche Form des Kollektivismus wuchs.

Die Pragmatiker um Deng Xiaoping haben aus dieser Zeit gelernt. Die geplante Modernisierung der Landwirtschaft, höhere Ernteerträge und höhere Einkommen der Landbevölkerung sind nur zu erreichen, wenn die Bauern dabei mitmachen. Die Privatfelder gehören zur notwendigen Motivation.

Volkskommune Ma Qiao: Baumwollverarbeitung. Foto: Ulrich Horb
Volkskommune Ma Qiao: Baumwollverarbeitung. Foto: Ulrich Horb

Die politische Macht ist den Volkskommunen seit 1979 wieder genommen. Sie wurde wieder in die Hände der Gemeindeverwaltungen gelegt. Jetzt sind die Volkskommunen nur noch wirtschaftliche Zusammenschlüsse. Zusammenschlüsse, die allerdings nicht nur auf die Landwirtschaft beschränkt sind. Zahlreiche Fabriken gehören zum Besitz der Kommune, dazu kommen Gemeinschaftseinrichtungen wie Kindergarten, Schule.

„In der Ma Qiao-Volkskommune leben 38.000 Menschen“, sagt Xia Longxing. Es gibt vier Mittelschulen, 23 Grundschulen. Die Schule ist kostenlos – seit dem Sturz der „Viererbande“. Und kostenlos ist auch die Behandlung im Krankenhaus, jedenfalls fast. „Wir haben ein eigenes Krankenhaus mit 29 Stationen. Jedes Mitglied der Volkskommune zahlt im Jahr 1 Yuan dafür.“ Seit 1979 ist eine Neuerung gültig: Die Volkskommune hat erstmals ein Rentensystem eingeführt. Wer über 65 Jahre alt ist, bekommt 12 Yuan Taschengeld im Monat, eine weitere Erleichterung für die Familien, denen bis dahin allein die Verantwortung für die älteren Familienangehörigen oblag.

Allerdings werden all diese Sozialleistungen in jeder Volkskommune anders geregelt. Ma Weixin, Beamter des Jugendverbandes von Shanghai, kennt die Unterschiede: „Renten gibt es nur in einigen, wirtschaftlich starken Volkskommunen. Teilweise liegen sie bei 20 Yuan.“ Das ist rund ein Drittel dessen, was die Arbeiter in den Fabriken erhalten. „Im Gebiet Shanghai übertrifft das Lebensniveau der Bauern das der Arbeiter“, sagt Ma Weixin. „Viele Jugendliche in der Stadt wollen Bauern werden. Zwar sind die Löhne niedriger, dafür aber können sich die Bauern mit Nahrungsmitteln selbst versorgen.“

Vokskommune Ma Qiao: Blick in Wohnraum. Foto: Ulrich Horb
Vokskommune Ma Qiao: Blick in Wohnraum. Foto: Ulrich Horb

Die Bauern in Ma Qiao sind eingeteilt in 20 Brigaden mit 206 Teams. Jeder Brigade gehört eine eigene Fabrik, weitere 15 Fabriken unterstehen der zentralen Verwaltung de Volkskommune. Die Verlagerung der Besitzverhältnisse auf die unteren Ebenen der Volkskommune gehört mit zum neuen Wirtschaftskonzept der Parteiführung. Das Interesse am wirtschaftlichen Erfolg der Fabriken ist nur dann gegeben, wenn Gewinne oder Verluste direkte Auswirkungen haben. Das System der „eisernen Reisschüssel“ der gleichmäßigen Versorgung aller, ist heute längst vergessene Forderung der „Parteilinken“. Jetzt setzt man auf das Leistungsprinzip, auf Prämien und Gewinnbeteiligungen. Mit Erfolg: Das chinesische Wirtschaftswunder ist in Gang gekommen.

„Jede dritte Familie“, so berichtet Xia Longxing stolz, „besitzt bei uns bereits ein Fernsehgerät.“ Der Gewinn der Volkskommune, im letzten Jahr immerhin 10 Millionen Yuan, wird wieder investiert. „40 Prozent in die Landwirtschaft, vierzig Prozent in die Produktion, 20 Prozent in den Lebensstandard.“10 Millionen Yuan, das sind 1983 umgerechnet rund 15 Millionen Mark. Der Haushaltsvorschlag wird von der Verwaltungskommission vorgelegt, die alle zwei Jahre neu gewählt wird. „Der Vorschlag wird dann von den Bauern diskutiert“, sagt Xia Longxing. Nein, abweichende Meinungen der Bauern hätte es bisher kaum gegeben, meint er.

Volkskommune Ma Qiao: Textilarbeiterin. Foto: Ulrich Horb
Volkskommune Ma Qiao: Textilarbeiterin. Foto: Ulrich Horb

Die Fabriken von Ma Qiao verarbeiten inzwischen nicht allein die landwirtschaftlichen Erzeugnisse der Volkskommune. Zwar erntet man Baumwolle, die Kleidungsfabrik aber verarbeitet Kunstfasern. Damit sind höhere Gewinne zu erzielen als mit Baumwollprodukten, deren Preise staatlich festgelegt sind. Gefütterte Jacken fertigt man, Kinderkleidung.

Draußen auf den Feldern sind inzwischen Frauen unterwegs. Sie schleppen schwere Wasserkübel an Stangen, die auf ihren Schultern liegen. Mit einer langen Schöpfkelle werden die Pflanzen bewässert. In der Arbeitsweise scheint sich – auch in der modernen Volkskommune Ma Qiao – seit Jahren nichts geändert zu haben. Nur in den Erträgen. Und wenn die Erträge der Gemeinschaftsfelder genauso steigen wie die Erträge der privaten Felder, dann braucht sich Chinas Parteiführung um die Erfüllung der ehrgeizigen Ziele keine Sorgen mehr zu machen. Dann ist China im Jahr 2000 kein Entwicklungsland mehr.

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